Alte Vorwürfe im neuen Gewand
Walesa – Arbeiterführer, Nobelpreisträger, Spitzel?

Historiker werfen dem einstigen Solidarnosc-Chef Agententätigkeit auf der Danziger Werft vor - doch die Beweislage bleibt dünn. Das Buch trifft einen wunden Punkt der Polen.

WARSCHAU. Ein neues Buch über die angebliche Stasi-Tätigkeit des polnischen Arbeiterführers und früheren Staatspräsidenten Lech Walesa hat in Polen einen gewaltigen Medienwirbel ausgelöst. Die erste Auflage von rund 4 000 Exemplaren war binnen weniger Stunden vergriffen. Das Buch trifft einen wunden Punkt der Polen - denn es geht nicht nur um Walesas Vergangenheit, sondern auch um den Umgang mit den früheren Geheimdienstakten und die politische Entwicklung Polens seit dem Systemwechsel 1989.

Obwohl die Beweislage gegen Walesa sehr dünn ist, stellte sich der nationalkonservative Staatspräsident Lech Kaczynski forsch an die Spitze der Kritiker: "Walesa hat unter dem Decknamen Bolek für die Stasi gearbeitet und deshalb später kein Interesse an einer konsequenten Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit gehabt." Dagegen betonte der auch in liberalen politischen Kreisen populäre katholische Erzbischof Jozef Zycinski: "Wir dürfen die Autorität Walesas und seine Verdienste für das Land nicht zerstören."

In dem Buch wiederholen die zwei jungen Historiker Slawomir Cenckiewicz und Piotr Gontarczyk die altbekannte These, Walesa sei in den siebziger Jahren Spitzel des kommunistischen Sicherheitsdienstes gewesen. Darüber hinaus behaupten sie in dem 700 Seiten starken Buch, er habe als Staatspräsident von 1990 bis 1995 belastendes Material verschwinden lassen. Die Agententätigkeit soll in der Zeit zwischen 1970 und 1974 stattgefunden haben. Walesa gehörte zu den Führern des Arbeiterprotestes im Dezember 1970 in Danzig und stand deshalb anschließend unter enormem Druck der Stasi. Er wurde inhaftiert und verhört. Auch nach seiner Freilassung versuchte man, ihn mit Erpressung auf eine Kooperation mit dem Sicherheitsdienst zu verpflichten. Doch bis heute liegt kein eindeutiger Beweis vor, dass er eingewilligt und anschließend Spitzelberichte über seine Kollegen auf der Danziger Lenin-Werft verfasst habe.

Allerdings unterschrieb er eine allgemeine Loyalitätserklärung für die neue kommunistische Parteiführung unter Edward Gierek, der nach den Dezemberunruhen 1970 Wladyslaw Gomulka abgelöst hatte. Das hinderte Walesa aber nicht daran, weiter aktiv für wirtschaftliche und soziale Interessen der Arbeiter einzutreten. Deswegen wurde er auch 1976 auf der Werft entlassen. Mit seinen Erfahrungen von 1970 wurde er die prägende Gestalt des berühmten Streiks im August 1980, bei dem die freie Gewerkschaft "Solidarität" erkämpft wurde.

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