Altpolitiker über die EU
„Sie müssen sich engagieren, verdammt noch mal!“

Europa: Absterbendes Ideal alter Männer, die lediglich alten Zeiten hinterherweinen? Oder doch ein Mega-Projekt, das bloß seit Jahrzehnten in den Kinderschuhen steckt? In Paris eröffnen Altpolitiker neue Perspektiven.
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ParisNur wenige Personen können einem so auf den Wecker gehen wie Altpolitiker, die sich über Europa auslassen und voller Wehmut an die schönen Zeiten zurückdenken, als sie noch im Amt waren. Doch es geht auch völlig anders. Das bewiesen am Donnerstagabend in Paris Mario Monti, früherer italienischer Premierminister, und Karl Lamers, der lange die graue Eminenz von Helmut Kohl in Europa war, im Gespräch mit der französischen Europaabgeordneten Sylvie Goulard, die dort mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Auf dem Höhepunkt der griechischen Krise und vor dem Hintergrund stärker werdender populistischer Parteien trafen drei Politiker aufeinander, die von den Verhandlungen über die deutsche Einheit über die Währungsunion bis zur Bewältigung der Eurokrise – Monti und Goulard – an Schlüsselmomenten europäischer Geschichte beteiligt waren. Vor allem Monti und Lamers schwimmen kräftig gegen den Mainstream, sprechen heikle Themen an, über die aktive Politiker lieber schweigen, beweisen Sinn für das Wesentliche und öffnen überraschende Perspektiven. Die beiden brannten ein Feuerwerk interessanter Ideen ab: Zwei Alte, die nonkonformistisch sind.

Lamers wischte gleich zu Anfang das ewige Greinen über Europas Krisen vom Tisch: „Krisen sind der Entwicklungsmodus von politischen Großprojekten.“ Der CDU-Politiker erinnerte an den (marxistischen) italienischen Philosophen Antonio Gramsci und dessen Wort, wonach „Krisen dann entstehen, wenn das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren ist“. Die Geburt des geeinten Europa habe begonnen, sei aber noch lange nicht abgeschlossen, was auch die Wirtschafts- und Währungsunion zeige. Sie ist für Lamers „noch keine Wirtschaftsunion, sie muss komplettiert werden beispielsweise bei den Steuern und sie muss institutionell abgesichert werden.“

Lamers wurde bekannt als Autor des „Schäuble-Lamers-Papiers“, das die beiden 1994 veröffentlichten. „Auch damals steckte Europa in der Krise, ich weiß nicht mehr, die wievielte es war“, belustigte sich der Rheinländer. Die beiden CDU-Politiker schlugen eine Idee vor, die heute wieder aufgegriffen wird: Wenn Länder in der EU integrationswilliger sind als andere, sollten sie daran nicht gehindert werden. Europa brauche einen festen Kern von Ländern, die sich eng zusammenschließen. „Wir haben bewusst fester Kern gesagt und nicht harter Kern“, präzisierte Lamers, „denn der Kern soll nicht abgeschlossen sein, sondern offen für alle, die sich beteiligen wollen.“ Im Innern, sozusagen im Kern des Kerns, sieht der immer noch gut vernetzte langjährige Abgeordnete Frankreich und Deutschland.

Kommentare zu " Altpolitiker über die EU: „Sie müssen sich engagieren, verdammt noch mal!“"

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  • Immer wenn Merkel mit ihrer EU an die Wand rennt, werden irgendwelche Altpolitiker ausgegraben und interviewt und Bundesverdienstkreuze verteilt.
    So erhofft man sich eine Rechtfertigung für das Treiben.



  • Erfrischend die Herren zu "hören", aber sie irren da, wo es darum geht, den Umsetzung der Theorie mit konkreten Personen zu besetzen. Damit sich ein Erfolg einstellt, gehört Leidenschaft wie die Herren selbst noch bewiesen, aber auch Fachwissen.

    Die Bundeskanzlerin argumentiert da anders, wenn sie formuliert "nach bestem Wissen und Gewissen" oder "wo ein Wille, da ist auch ein Weg". Was sind das für Sprüche die Idee von einem geeinten Europa nach diesen drei Herren vorwärts zu bringen.

    Genau da irren die drei, dass man solche Politiker, die soeben den Euro und damit die EU gegen die Wand fahren, von der Macht ausschließen könnte. Man muss sich dessen bewusst sein, dass die Kräfte ungleich verteilt sind. Kriminelle, "Wölfe" haben einen eindeutig größeren Durchsetzungs- und Überlebenswillen als vom Charakter her sogenannte "Schafe".

  • Mich wundert, dass die guten und weniger guten Europa Konstrukteure die Rolle der USA und ihre Politik so naiv sträflich vernachlässigen bei der Konstruktion Europas. Merkel müsste schon deswegen geputscht werden, weil sie ständig von Freundschaft zu den USA spricht, während ihre US Gesprächspartner klar sagen, dass sie keine Freundschaft suchen.

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