Am Ende eines langen Wahlkampfmarathons liegt sich die Opposition in den Armen – und die Regierungsanhänger lecken ihre Wunden
Müde Gewinner, müde Verlierer

Der Sieg des Oppositionschefs hat auch seine Anhänger Kraft gekostet. Verschlafen reibt sich Anatoli Gregorowitsch Michajlenko auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz die Müdigkeit aus den Augenhöhlen, bevor der Mann mit der orangen Schleife an der Pelzmütze das Wahlprotokoll des zentralukrainischen Dorfes Kutschki aus seiner Jackentasche wurstelt.

KIEW. 898 Wähler hätten in seinem 150 Kilometer entfernten Heimatdorf für Viktor Juschtschenko gestimmt, nur 58 den entmachteten Premier Viktor Janukowitsch gewählt, erzählt der Arbeiter mit den schwieligen Händen zufrieden. Als Mitglied der örtlichen Wahlkommission habe er aufgepasst, dass „dieses Mal nichts verfälscht“ wurde: „Drei Mal wurde gewählt – und eigentlich hat Juschtschenko die Wahl nun zum dritten Mal gewonnen.“

Der Vergiftungsanschlag, die Schmerzmittel und die Anstrengungen eines halbjährigen Dauerwahlkampfs haben das Gesicht des Wahlsiegers gezeichnet. Übermüdet aber zufrieden stellt sich Viktor Juschtschenko im Hauptquartier seines Wahlstabs um zwei Uhr morgens seinen Anhängern. Im Gegensatz zur Wahlfarce vom November bestätigt die Auszählung der Stimmen ihm dieses Mal einen klaren Sieg mit einem Vorsprung von acht Prozentpunkten. „14 Jahre ist die Ukraine unabhängig, aber erst ab heute sind wir frei“, ruft der Oppositionschef und verspricht den Beginn einer „neuen Ära einer großen Demokratie“. Der erfolgreiche Protest von Millionen von Ukrainern hat nach Ansicht von Juschtschenko nicht nur den Wechsel ermöglicht, sondern dem lange kaum wahrgenommenen Land endlich auch seinen Platz in der Welt verschafft: „Vor drei Monaten hatten viele keine Ahnung, wo die Ukraine liegt. Heute wundert sich die Welt tagtäglich, was hier passiert.“

Mit betretenem Gesicht gesteht Rivale Janukowitsch bereits in der Wahlnacht seine Niederlage ein, kündigt eine „starke Opposition“ an – aber auch die mögliche Anfechtung des Urnengangs vor Gericht. Im Industriegebiet des Donbass, der mit mehr als 90 Prozent für den entmachteten Premier gestimmt hatte, bleiben angedrohte oder befürchtete Ausschreitungen aus. Auf dem Donezker Leninplatz, wo seit Wochen tausende seiner Anhänger eine „Gegenrevolution“ zum orangenen Aufbruch anzuzetteln suchten, werden nur eine Handvoll Milizionäre gesichtet. „Alle sind des Wahlmarathons müde“, erklärt die Unternehmerin Nadja Bedritschuk die resignierte Stimmung nach der Schlappe des Lokalmatadors. „Wir werden dem Versuch der Rache und Vergeltung widerstehen“, kündigt derweil Oppositions-Ikone Julia Timoschenko an.

Das Zentrum der Hauptstadt Kiew ist weiter fest in orangefarbener Oppositionshand. Zwar zeigen auch die Protagonisten der Orangen-Revolution Verschleißerscheinungen. Doch auch wenn sich die Reihen der Demonstranten gegenüber den legendären Novembertagen merklich gelichtet haben, lassen sich tausende der „Orange-Veteranen“ die nächtliche Siegesfeier nicht nehmen. Die Stärke der orangenen Bewegung sei ihre „mentale Kraft“, sagt im Zeltlager der Opposition auf dem Kreschatik- Boulevard der Handwerker Valerij Schischkin. Wie er ist auch sein Arbeitskollege Wladimir Lasor in den letzten beiden Monaten aus der 300 Kilometer entfernten Heimatstadt Krementschuk mehrmals nach Kiew gereist, um in dem Camp Wache zu schieben. Angst vor der Zukunft plagt die beiden aus der Ostukraine stammenden Freunde nicht. Er sei russischer Herkunft, aber glaube nicht an eine Vertiefung der Spaltung des Landes, so Schischkin: „Im Donbass waren die Leute von unabhängigen Medien abgeschnitten, wussten nicht, was passiert. Und das wird sich jetzt ändern.“ Sollte aber Juschtschenko ähnlich selbstherrlich wie sein Vorgänger Kutschma regieren, sei er „bald wieder weg vom Fenster“: „Denn wir haben die Revolution nicht für irgendwelche Politiker, sondern für uns selbst gemacht.“

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