Amerika nach den Anschlägen
„Wir hatten die Gefahr schon verdrängt“

Am Tag nach den Anschlägen von Boston ist die alte Angst vor dem Terror zurück. Am Ort der Tragödie lernen die Menschen nun, wie das im Alltag aussieht. Die Stadt ist Tatort und Hochsicherheitszone zugleich.
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BostonEs ist kurz vor halb vier Uhr morgens, als es im Nachtzug von New York nach Boston plötzlich vorbei ist mit der Ruhe. „Wem gehört der schwarze Rucksack hier auf der Ablage?“, brüllt ein Bahn-Sicherheitsmann mit Overall und knackendem Funkgerät durch den abgedunkelten Wagen. Er reißt gut 50 Leute aus dem Tiefschlaf, aber das stört ihn nicht. Er brüllt so lange, bis sich der Sünder meldet. Ein junger Mann Anfang 20, der zwei Sitzreihen weitergezogen war.

Spätestens seit Montag sind öffentliche Verkehrsmittel in Boston Hochrisikozonen. Das legen zumindest die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen nahe, die seit dem Bombenanschlag gelten. Am Rande des Marathonlaufs hatten bislang unbekannte Täter in der Menschenmenge zwei Sprengsätze gezündet. Drei Menschen starben, darunter ein Kind, mehr als 170 wurden verletzt.

Und so ist am Dienstagmorgen an der Bostoner South Station auch nur scheinbar alles so wie an einem ganz normalen Werktag. Denn zwischen dem Meer an Pendlern stehen Polizisten in Kampfwesten und Soldaten mit Tarnanzügen und Sturmgewehren. Sie gucken streng, denn heute ist jeder ein Verdächtiger.

„Ist schon ein komisches Gefühl“, sagt ein Mittfünfziger im blauen Anzug, der es wie alle hier sehr eilig hat. „Wir hatten die Gefahr ja schon verdrängt“. Die Tragödie aber habe allen klar gemacht, dass ein Anschlag immer und überall passieren kann.

Die Angst ist zurück in Amerika. Auch wenn weiterhin nichts über die Hintergründe des Anschlags bekannt ist, so weckt er doch Erinnerungen an den 11. September 2001. Es war das letzte Mal, dass Terroristen auf amerikanischem Boden mit Bomben - in diesem Fall zu als solchen umfunktionierten Verkehrsflugzeugen - Menschen töteten.

Und so sprach auch US-Präsident Barack Obama am Dienstag erstmals von einem „terroristischen Akt“. Bei einer Ansprache im Weißen Haus nannte er die Anschläge „abscheulich und feige“ und versprach, die Täter ihrer „gerechten Strafe“ zuzuführen. Er vermied aber Kriegsrhetorik, wie sie Vorgänger George W. Bush nach dem 11. September verwendet hatte.

Unterschwellig war die Angst bei vielen ohnehin schon da. Laut einer Studie der Universität von Maryland, die vor der Katastrophe von Boston erhoben worden war und ausgerechnet am Montag veröffentlicht wurde, fürchteten mehr Menschen (15 Prozent) einen unmittelbar bevorstehenden Terroranschlag als Opfer einer Gewalttat zu werden (10 Prozent).

Und 69 Prozent der Befragten stimmten der Einschätzung zu, dass „Terroristen immer einen Weg finden werden, einen größeren Anschlag auszuführen“ – egal, was die Regierung auch dagegen zu unternehmen versucht.

Die amerikanischen Medien verstärken nun diese Befürchtungen. Seit Montagnachmittag laufen in den Nachrichtensendern die Bilder des Anschlags in Dauerschleife, Experten diskutieren über Details von Beinamputationen oder stellen Ferndiagnosen, ob die Machart der Bomben nun auf das Terrornetzwerk Al-Kaida oder eher auf den Typ heimischer Einzeltäter hindeuten. Nach Informationen des Nachrichtensenders CNN steckten die Bomben in Schnellkochtöpfen, die wiederum in schwarzen Rucksäcken verstaut gewesen sein sollen. Nägel und Kugeln sollen laut Ärzten in den Bomben gewesen sein.

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Alte Becher liegen am Straßenrand, Transparente, und Wärmedecken

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  • pro-D: "Achja, am gleichen Tag starben im Iraq ca. 58 Menschen durch Bomben. Leider fand ich keinen Artikel hierzu im HB"

    Doch den gibt es. Sie sind ein notorischer Lügner der sich hier im Gewand des kritischen Beobachters profilieren will und damit andeuten möchte, daß andere Menschen angeblich weniger wert sind. Ekelhaft.

  • Wer Wind sehr wird Sturm ernten

    Die Welt ist doch gerecht, auch wenn profane Mitbürger oft denken, es gibt wirklich Ungerechtigkeiten. Aber alles hat seinen Grund und nichts,Maas passiert, passiert wegen einem Zufall.

    Achja, am gleichen Tag starben im Iraq ca. 58 Menschen durch Bomben. Leider fand ich keinen Artikel hierzu im HB und ich Herr Obama hat dafür nicht gebetet.

  • Ja, Ottoman. Sind Sie.

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