Amerikanische Infrastruktur
Rost 'n' Roll

Als im Mai 1883 die Brooklyn Bridge in New York eingeweiht wird, sind Amerikas Straßen und Brücken noch Vorbilder für die Welt. Das verdankt das Land genialen Einwanderern. Nun verrottet die Infrastruktur. Und nur langsam steuern US-Politiker gegen.

NEW YORK. Zuerst die Elefanten. Weil die Bürger von New York der vermeintlich tollkühnen Konstruktion einer 1825 Meter langen Hängebrücke über den East River nicht recht trauen, treibt Zirkusbesitzer Phileas Taylor Barnum 21 seiner Elefanten vor fast genau 125 Jahren, am 24. Mai 1883, als Erste über die Brooklyn Bridge.

Erst als klar ist, dass sie auch hält, führt US-Präsident Chester Arthur die Parade der Honoratioren an, die New Yorks neues Wahrzeichen einweihen. Bald schon gilt die damals längste Hängebrücke der Welt nicht nur als achtes Weltwunder. Sie demonstriert die Überlegenheit des jungen Amerikas in Sachen Infrastruktur: Damit eine Volkswirtschaft wachsen kann, braucht sie die besten Straßen, Brücken, Kanäle und Dämme.

Eineinviertel Jahrhunderte später jedoch mehren sich die Anzeichen, dass Amerikas Infrastruktur verfällt: Brücken stürzen ein, Schlaglöcher werden nicht mehr geflickt. Zu wenig Investitionen und kurzfristiges Denken sind nur zwei Gründe dafür. Doch nun, im Präsidentschaftswahlkampf, entdecken Amerikas Politiker die Weisheit ihrer Vorfahren neu.

Die Brooklyn Bridge steht immer noch, majestätisch wie am ersten Tag. Radfahrer verjagen mit lautem Klingeln Touristen. Eine Joggerin stößt fast mit einer hochschwangeren Spanierin zusammen, die gerade ihren Mann fotografieren will. Der Brückenboden vibriert; von unten, der zweiten Ebene, lärmt der Autoverkehr herauf. Rund 150 000 Kraftfahrzeuge, über 1 000 Radfahrer und mehr als 2 000 Fußgänger nutzen die Verbindung zwischen Manhattan und Brooklyn Heights jeden Tag.

Die Touristen stört das Getümmel nicht. Sie kommen her, „weil man eine tolle Sicht auf Manhattan hat“, sagt Hilde Widmer aus dem schwäbischen Ummendorf. Tochter Anja ergänzt: „Außerdem ist es die schönste Brücke von New York.“ Auf den beiden Brückenpfeilern flattert das Sternenbanner im Wind.

Dass die USA in Sachen Infrastruktur zum Land der Superlative wurden, verdankten sie genialen Einwanderern. Die Brooklyn Bridge konstruierte Johann August Röbling aus dem thüringischen Mühlhausen. Das Projekt kostete ihn das Leben; seinen Sohn Washington brachte es in den Rollstuhl – aber er vollendete das Bauwerk. Der Ire William Mulholland schuf Anfang des 20. Jahrhunderts das Abwasserkanalsystem von Los Angeles. Und Francis Crowe aus Kanada leitete den Bau des Hoover- Damms am Colorado River – bei seiner Vollendung 1935 die größte Betonkonstruktion der Welt.

Heute sind die Zeichen der Vernachlässigung der Infrastruktur allerorten in den USA unübersehbar: Autobahnen weisen Schlaglöcher auf, die in Deutschland wohl zu ihrer sofortigen Sperrung führen würden. Fahrbahnschäden verursachen jedes Jahr rund 13 000 tödliche Unfälle, sagen Experten. In New York fiel im vergangenen Jahr dreimal die U-Bahn aus: Heftiger Regen hatte das antiquierte Entwässerungssystem ausgeknockt.

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