Amerikanisches Unwissen
Liegt die Ukraine in Brasilien?

Wo liegt die Ukraine? Nur wenige Amerikaner wissen das. Das wäre ja nicht weiter schlimm. Aber: Sie rufen umso lauter nach einem Militärschlag, wenn sie nicht wissen, wo man überhaupt zuschlagen müsste.
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WashingtonFür die einen liegt sie in Alaska, für die anderen an der Grenze zu Nordkorea, im Urwald von Brasilien oder auf dem australischen Kontinent: Die Ukraine. Nur einer von sechs befragten US-Bürgern war in der Lage, den geopolitischen Brennpunkt in Osteuropa richtig auf einer Weltkarte zu lokalisieren. Die anderen lagen mehr oder weniger heftig daneben. Der Median der Abweichung lag immerhin bei rund 2900 Kilometern (1800 Meilen), haben Kyle Dropp (Dartmouth Universität), Joshua D. Kertzer (Harvard) und Thomas Zeitzoff (Princton) bei ihrer Befragung von 2066 Amerikanern gelernt. Gleichzeitig fragten sie aber auch noch nach, was man denn so machen sollte im Falle der Ukraine und der Krim und der Abspaltung und Putin und so.

Hier wird es spannend. Je weiter entfernt die Personen die Ukraine von ihrer tatsächlichen Position einordnen, desto mehr waren sie bereit, Gewalt anzuwenden, um die Probleme zu bereinigen. Je falscher in der Lageeinschätzung, umso sicherer waren sie, dass Russland eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellt. Die Ergebnisse sind klar, schreiben die Statistiker in einem Gastbeitrag für die Washington Post: „Je weniger die Leute wissen, wo die Ukraine ist, desto eher wollen sie ein militärisches Eingreifen.“

Ok, man könnte jetzt in das übliche Lästern über das amerikanische Bildungssystem einstimmen oder mit Belustigung den Aufstieg der wissenschaftsfeindlichen Kreationisten an Schulen als Beleg für den Niedergang der USA anführen und zur Tagesordnung übergehen. Man ist ja einiges gewöhnt. Auch die Umfrage der National Science Foundation taugt gerade nicht als vertrauensbildende Maßnahme in die Führungsqualitäten der einzig verbliebenen Supermacht. Demnach weiß einer von vier US-Bürgern nicht, dass die Erde um die Sonne kreist. Das sind 25 Prozent.

Was die Ukraine angeht, da sehen die Statistiker zwar keine interstellaren Probleme, aber doch sehr klare reale Implikationen. Informationen oder das Fehlen davon können Einfluss haben auf die Entscheidung der Bürger, welche Politik ihre Regierung verfolgen soll, warnen sie und stellen noch lakonisch fest: Fehlende Informationen in der Masse erleichtern Eliten die Dinge in ihre Richtung zu lenken.

Ach ja, die Umfrage der National Science Foundation hat noch ein anders Ergebnis zu Tage gefördert. Immerhin fast 50 Prozent der Amerikaner halten Astrologie für eine Wissenschaft. Vielleicht wissen die Sterne ja auch, was wir mit der Ukraine machen sollten.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Amerikanisches Unwissen: Liegt die Ukraine in Brasilien?"

Alle Kommentare

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  • Ein dummes Volk regeirt sich leichter.
    Ist doch bei uns nicht anders

  • Wachsamer
    Sie hben völlig Recht. So ist es
    Im roßen und Ganzen kann man sagen, die gesamte westliche Welt ist in den letzten 30 Jahren enorm verdummt (worden?)

  • @Bietchekoopen
    Ich zweifle deshalb daran, weil ich Bekannte in Boston habe. Die erwähnte Beschränktheit kann man nämlich tatsächlich nicht verallgemeinern. Was Sie hingegen ansprechen gilt ebenfalls nicht für die Mehrzahl. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass es mit der Allgemeinbildung des Durchschnittsamerikaners nicht all zu weit her ist.
    Sieht das hier in Deutschland etwa anders aus? Gehen Sie mal über die Baustellen oder durch die Produktionsabteilungen und verfolgen Sie aufmerksam die Gespräche über das aktuelle Geschehen, was die BILD den Menschen so präsentiert. So viel AUA können Sie gar nicht ertragen.
    Die genannten Extreme lassen sich so nicht auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen. Alles andere wäre Propaganda und Diskriminierung.

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