Amoklauf in Newtown
„Diese Tragödien müssen enden“

Auf der Trauerfeier in Newtown findet Präsident Barack Obama tröstende Worte. Er kündigt zwar keine direkten Schritte zur Verschärfung von Waffengesetzen an, doch die Diskussion ist wieder neu entfacht.
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NewtownDie Stille in der Highschool-Aula in Newtown wird immer wieder von Schluchzen durchbrochen, als US-Präsident Barack Obama am Ende seiner Rede die Namen aller Opfer des Amoklaufs vor. "Tun wir genug, um unsere Kinder zu schützen? Ich habe darüber in den vergangenen Tagen nachgedacht und wenn wir ehrlich sind mit uns selbst, ist die Antwort: nein", sagte der Präsident. Er forderte ein Ende "dieser Tragödien".

"Wir können das nicht mehr hinnehmen. Diese Tragödien müssen enden, und um sie zu beenden, müssen wir uns ändern", sagte Obama vor Angehörigen von Opfern und Einsatzkräften, denen er sein Mitgefühl aussprach und die "Liebe und Gebete" des ganzen Landes überbrachte. Er werde alles in seiner Macht stehende tun, damit sich solche Taten künftig nicht mehr wiederholen könnten. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein aus Kalifornien kündigte an, noch am ersten Tag der neuen Legislaturperiode ein neues Waffengesetz in den Kongress einzubringen.

Der Präsident kündigte zwar nicht direkt Schritte zu einer Verschärfung von Waffengesetzen an. Aber er versprach: „In den kommenden Wochen werde ich meine Macht im Amt...zu Bemühungen nutzen, die darauf abzielen, weitere Tragödien wie diese zu verhindern.“

Obama räumte ein, dass „kein einziges Gesetz oder Bündel von Gesetzen Böses ausrotten kann“. Aber das sei keine Entschuldigung für Untätigkeit. „Ganz sicher können wir es besser machen als bisher.“ Es gebe keine andere Wahl.

Mehrere demokratische Politiker hatten am Wochenende schärfere Gesetze vor allem gegen Sturmgewehre gefordert. So kündigte Senatorin Dianne Feinstein an, in dieser Woche einen Gesetzentwurf einzubringen. Jeder Vorstoß, den Besitz von Waffen zu begrenzen, dürfte aber auf erbitterten Widerstand der Republikaner stoßen. Sie verweisen auf die US-Verfassung, die Bürgern den Besitz von Waffen erlaubt. Das Thema hat für die meisten Politiker keinen Vorrang, weil Waffen in den USA weit verbreitet sind und die Lobbyisten über eine große Macht verfügen. Die Bürger sind selbst nach Gewalttaten wie in Newtown in der Frage gespalten.

Das Schulmassaker in den USA ist nach Auffassung des Bundesvorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir, auch als Warnung für Deutschland zu verstehen. Auch hierzulande müssten Schusswaffen in Privathaushalten verboten werden, sagte Özdemir der "Berliner Zeitung" (Montagsausgabe). "Das schreckliche Massaker an kleinen Kindern in Connecticut ist trauriger Beweis dafür, wie einfach Gewalttätern das Töten gemacht wird, wenn Schusswaffen zuhause aufbewahrt werden", sagte Özdemir der Zeitung. "Auch wenn die deutsche Waffenlobby etwas anderes behauptet: Schusswaffen sind zum Töten gemacht, sie sind keine harmlosen Sportgeräte oder Spielzeuge", sagte der Grünen-Chef. "Sie haben in unseren Häusern und Wohnungen nichts zu suchen."

Nach jüngsten Ermittlungsergebnissen verübte Attentäter Lanza seine Taten hauptsächlich mit einem Sturmgewehr vom Typ Bushmaster 223. Er habe "viele, viel Schüsse, hunderte" abgefeuert, sagte Polizeisprecher Paul Vance. Dabei ging er äußerst brutal vor: Ersten Erkenntnissen der Gerichtsmediziner zufolge feuerte Lanza bis zu elf Schüsse auf einzelne Opfer ab. Allein auf die sieben Todesopfer, die er selbst untersucht habe, sei "drei bis elf Mal" geschossen worden, sagte der Gerichtsmediziner Wayne Carver sichtlich erschüttert auf einer Pressekonferenz. In 30 Jahren Berufserfahrungen habe er noch nie so etwas Schreckliches erlebt.

Umgebracht habe er sich mit einer der beiden Handfeuerwaffen, die er ebenfalls dabei gehabt habe, sagte Polizeisprecher Vance. Auch mehrere volle Magazine für alle Waffen habe Lanza mitgenommen. Im Kofferraum seines Autos sei eine vierte Waffe, ein Gewehr, gefunden worden. Das Motiv für die Tat lag weiter im Dunkeln.

An vielen Plätzen in Newtown legten die Menschen Blumen und Kuscheltiere nieder und zündeten Kerzen an. Mehrere Gedenkfeiern wurden abgehalten, unter anderem für die junge Lehrerin Victoria Soto. Laut Medienberichten versteckte die 27-Jährige ihre Schüler noch in Schränken, bevor der Täter ins Klassenzimmer kam. Er erschoss die Lehrerin, aber die Kinder entdeckte er nicht.

Andere Lehrerinnen schilderten, wie sie die 20 schrecklichen Minuten des Amoklaufs erlebten. "Ich dachte die ganze Zeit nur: 'Wir sind die nächsten'", sagte Kaitlin Roig dem Sender ABC. Sie hatte sich mit ihren 15 Schützlingen in den Toilettenräumen der Schule versteckt, das Licht gelöscht und die Schüler angewiesen, mucksmäuschenstill zu sein.

Alle getöteten Kinder waren laut Polizei sechs oder sieben Jahre alt. Ersten Erkenntnissen vom Tatort zufolge erzwang der Täter den Zugang zur Schule. Vance sagte, Lanza sei "nicht freiwillig in die Schule hereingelassen worden".

 
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • So schrecklich diese Untaten sind, so notwendig ist eine sachliche Diskussion über die Konsequenzen. In einer derart extrem emotional geladenen Atmosphäre ist das sehr schwer, weil die Waffengegner solche Situationen sofort für sich instrumentalisieren.

    In Amerika scheint allerdings tatsächlich (noch) das Problem zu bestehen, dass der Zugang zu Waffen zu leicht ist. Auch muss die Frage gestellt werden, was vollautomatische Kriegswaffen in den Händen von Zivilisten zu suchen haben!

    Beim Einsatz von Schusswaffen bei Straftaten liegt der Anteil an legal besessenen Waffen in Deutschland regelmäßig unter 1%. In diesem 1% sind dann noch die Waffen von Polizisten, Zöllnern, Soldaten etc. enthalten, die diese hin und wieder auch für Straftaten oder Selbst- und Familienmorde benutzen. D.h., dass über 99% aller für Straftaten verwendeten Schusswaffen illegale Waffen sind. Lassen Sie das mal auf sich wirken.

    Deshalb ist es ungerecht, immer sofort auf Jäger, Sammler und Sportschützen zu deuten, wenn solche schrecklichen Dinge passieren.

    Eines ist allerdings auch klar: Die Politiker dreschen am liebsten auf die genannten Gruppen ein. Denn das schafft in der Öffentlichkeit den Eindruck des Machers. Billige Effekthascherei zu Lasten Millionen unschuldiger und friedlicher Menschen.

    An die wahren Ursachen (allgemeine Verrohung der Sitten, Vernachlässigung von Kindern, Unsensibler Umgang in der Schule, PC-Killerspiele, etc.) traut sich die Politik nicht heran. Das ist ihr viel zu mühsam und bringt keine schnellen Effekte!

  • Völliger Blödsinn jetzt das Waffengesetz in den USA für derartige Tragödien verantwortlich zu machen.
    Norwegen hat nicht ein solches Waffengesetz wie die USA und das verhinderte auch nicht das ein gewisser Irrer namens Anders Breivik ein Massenblutbad mit über 70 Opfern anrichtete. Unverständlich bleibt nur, daß solche Täter nicht sofort der Todesstrafe zugeführt werden.

    Auch die schweizerische Waffengesetzgebung gilt als eine der liberalsten der Welt, da Besitz und Erwerb von Waffen und Munition grundsätzlich jedem unbescholtenen Bürger gestattet wird, sofern das Gesetz dazu keine besonderen Bestimmungen enthält....und? Wieso gab es hier noch keine derartigen Vorfälle?

  • Cem Özdemir verlangt ein Verbot aller Waffen in Deutschland. Na bravo. Ein Türke, der keinen Unterschied kennt zwischen Klein- und Großkaliber, der nicht weiß was eine Büchse ist und was eine Flinte. Der den Unterschied zwischen einer automatischen, halbautomatischen und Einzelfeuerwaffe nicht kennt. Großartig! Vom Kriegswaffenkontrollgesetz hat er natürlich auch nichts mitbekommen, denn zu der Zeit waren die Türken noch in der Türkei.
    Nur ein für allemal: die Waffen, mit denen die in den USA herumballern, das sind großkalibige,automatische Kriegswaffen und sind bei uns schlicht verboten!!!!
    Eine Verschäfung des Waffenrechtes hier zu fordern, weil auf einem anderen Kontinent irgend etwas los ist, ist schlichtester Unfung, dumm und dreist!

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