An Chodorkowskij scheiden sich die Geister
Fischsuppe oder Kascha-Brei

Sechs Uhr morgens aufstehen. Kurz waschen, dann Fischsuppe oder Kascha-Brei, Brot und Tee. Das ist der Tagesbeginn in Michail Chodorkowskijs neuem Heim.

MOSKAU. Sechs Uhr morgens aufstehen. Kurz waschen, dann Fischsuppe oder Kascha-Brei, Brot und Tee. Das ist der Tagesbeginn in Michail Chodorkowskijs neuem Heim: Seit er am Samstag seine im englischen Landhausstil nachgebaute Villa in Schukowka westlich von Moskau gegen eine Gefängniszelle eintauschen musste, lebt der Yukos-Chef auf fünf mal drei Metern mit vier Mitgefangenen. Dusche, Fernseher und Kühlschrank hat der 40-Jährige bekommen, Sportanzug und Schokolade brachten Familienangehörige mit.

Der Multimilliardär sitzt wie 1991 die kommunistischen Putschisten nach dem gescheiterten Staatsstreich gegen Michail Gorbatschow im zum Untersuchungsgefängnis umgebauten früheren Marinehospital „Matrosenruhe“. Das Essen habe Chodorkowskij noch nicht zurückgehen lassen, sagte Vize-Justizminister Jurij Kalinin, obwohl die Reis- und Fleischmahlzeiten zum Mittag „keine Restaurant-Qualität“ hätten.

Mit zynischen Bemerkungen wird derzeit der Ruf des mit 8 Mrd. Dollar Privatvermögen reichsten Russen in Moskaus gleichgeschalteten TV-Sendern massiv angekratzt. Wieder und wieder wird berichtet, so ein großes Privatvermögen könne man in so kurzer Zeit nicht legal erwirtschaftet haben. Die Oligarchen hielten sich für „Auserwählte des Himmels“, lästert der Spindoctor Stanislaw Belkowskij. Sein dem Kreml nahe stehender Rat für Nationale Strategie hatte bereits im Juni zur Hatz auf die Magnaten und zur Renationalisierung der Rohstoffbranche aufgerufen.

Der durch dubiose Privatisierungsdeals erworbene sagenhafte Reichtum einer kleinen Clique von Profiteuren der Wild-Ost-Jahre Mitte der 90er hat die Oligarchen in ihrem Volk, aber auch bei Konkurrenten verhasst gemacht. Und auch Chodorkowskij, der zwar Kinderheime, Bildungsprogramme und andere Projekte finanziert, ist dabei keineswegs ein Saubermann. Zu schnell wollte er vergessen machen, mit welchen Mitteln er an sein Vermögen gekommen sei, wird Chodorkowskij von Anwälten vorgeworfen, die bei Übernahmeschlachten Yukos-Opfer vertreten hatten. Man könne in den Ermittlungen auch etwas anderes sehen als eine Verfolgung Chodorkowskijs, meint Andrea von Knoop, Delegierte der deutschen Wirtschaft in Moskau: „Es wurden die Rechtsstandards auch für die Oligarchen hoch geschraubt.“

Doch US-Wirtschaftsvertreter und russische Zeitungen kritisieren die Ermittlungen gegen Chodorkowskij als „willkürlich“: „Warum wird ausgerechnet gegen ihn ermittelt? Alle Oligarchen haben dubiose Geschäftspraktiken angewandt“, meint die Kommentatorin Julija Latynina. „Chodorkowskij hatte sich hingegen als Erster internationalen Standards angepasst. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er sich zu sehr in die Politik vorgewagt hat – und die ist unter Putin für Andersdenkende tabu.“

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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