Analyse – die Parteien Großbritanniens
Cameron steht mit dem Rücken zur Wand

Das britische Parteiensystem steht vor einem dramatischen Umbruch: Unter Tories und Labour geht nach dem weiteren Nachwahlsieg der eurokritischen Ukip die Panik um – so sehr, dass eine Politikerin über ein Foto stürzt.
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LondonVor der Auszählung der Nachwahl in Rochester war Nigel Farage so nervös, dass er statt des üblichen Pints nur französische Bonbons lutschen wollte. Am Freitag hielt der Chef der Anti-Immigrations- und Anti-Europa Partei Ukip dann wieder das gewohnte Pint in der Hand: „Wir sind auf dem Vormarsch“, triumphierte er.

Nach dem zweiten Ukip-Nachwahlsieg innerhalb weniger Wochen definierte er das nächste Etappenziel: Bei der Unterhauswahl im Mai 2015 drittstärkste „nationale“ Partei zu werden und in der erwarteten Pattsituation im Unterhaus das Zünglein an der Waage spielen. „Der Ausgang der Unterhauswahl ist unvorhersehbar über jeden Begriff hinaus“, sagte Farage sichtlich erfreut.

Dabei fiel der erwartete Sieg der Ukip gar nicht so haushoch aus wie Umfragen prophezeit hatten: Mit 42 Prozent Prozent lag die Partei nicht 14 Prozent, sondern nur sieben Prozent vor den Tories (35 Prozent). Wahlsieger Mark Reckless, der  von den Tories zu Ukip übergelaufen war, hatte als Tory-Kandidat eine Mehrheit von 10.000 Stimmen gehabt, die nun auf knapp 3000 geschrumpft ist. „Ich bin absolut entschlossen, dass wir Rochester in der Unterhauswahl zurückerobern werden“, gelobte Tory-Chef David Cameron.

Trotzdem gilt Reckless’ Sieg als enormer Rückschlag für den Premier. Er hatte in Rochester alles auf eine Karte gesetzt, um den Vormarsch der „Populisten“ auf- und seine Tory Partei auf Mitte-rechts-Kurs zu halten. Nun machen Spekulationen über weitere Überläufer die Runde.

Bis kurz vor der Wahl könnten Abgeordnete, die ihre Wahlkreismehrheiten durch Ukip bedroht sehen, noch die Fronten wechseln und würden sich dafür Momente mit maximaler Öffentlichkeitswirkung  aussuchen – etwa wenn Cameron, vielleicht schon nächste Woche, seine mit Spannung erwarteten Vorschläge zur Reform der EU-Immigration vorlegt. So hatte es auch Reckless gemacht: Er war Cameron mit seinem Parteiwechsel zu Ukip zu Beginn des Tory-Parteitags im September spektakulär in den Rücken gefallen.

Mit Erleichterung dürfte Cameron da einen Artikel des Erz-Euroskeptikers Peter Bone im „Guardian“ gelesen haben. Bone, ein Hauptkandidat für Fahnenflucht, versicherte, er werde bleiben, weil nur ein Premier Cameron das versprochene EU-Referendum durchführen könne.

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