International
Analyse: Fiasko für Bush

Manche in Europa scheinen in diesen Tagen endgültig den Stab über den USA zu brechen. Ihr Argument: Das völlig desolate Katastrophenmanagement beweise, dass die einzig verbliebene Supermacht regierungstechnisch ein „Dritte-Welt-Zwerg“ sei, ein moralisches Niemandsland, in dem die Armen, Schwachen und Schwarzen vor die Hunde gingen. Die Hochburg des Turbokapitalismus sei in Wahrheit ein Exerzierfeld des Darwinismus, in dem Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität mit Füßen getreten würden, heißt es.

Diese Kritik ist besserwisserisch, selbstgerecht und verkennt die Stärken der amerikanischen Gesellschaft: Kaum ein Land in der Welt weist mehr individuelles Engagement, wirtschaftliche Dynamik und Flexibilität sowie Bürgersinn auf. Der eine oder andere selbst ernannte Richter in Europa könnte sich davon vermutlich eine Scheibe abschneiden.

Dies soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die US-Regierung beim Krisenmanagement von „Katrina“ auf der ganzen Linie versagt hat. Der Hurrikan war tagelang als gewaltiger Wirbelsturm angekündigt worden. Das Nationale Hurrikan-Zentrum hatte die Bundesbehörden noch 32 Stunden vor Ankunft des Sturms vor möglichen Dammbrüchen mit verheerenden Folgen gewarnt.

Doch Washington blieb untätig: Es gab weder einen Masterplan für die Evakuierung der Bevölkerung noch für die Lieferung von Hilfsgütern. Das federführende Heimatschutzministerium erwies sich als ohnmächtig, während Tausende Menschen in den Fluten starben. Das führt nicht zuletzt zu der grausigen Erkenntnis, dass Amerika für den Fall eines Terroranschlags mit Bio- oder Chemiewaffen denkbar schlecht gerüstet wäre.

Für die Regierung bedeutet dies ein Fiasko. Denn das Weiße Haus hatte immer wieder betont, dass die Bevölkerung mit einer weiteren Terrorattacke rechnen müsse. Präsident George W. Bush präsentierte sich als Gralshüter des Antiterrorkampfes und schuf im März 2003 die Mammutbehörde des Heimatschutzministeriums, in dem mehr als 20 Bundesorganisationen aufgingen. Auch das Amt für Katastrophenschutz (Fema), dem zudem jahrelang die Mittel gekürzt wurden, presste die Regierung in die Schablone der Terrorabwehr. Noch vor wenigen Wochen veröffentlichte die Aufsichtsbehörde des Kongresses einen Bericht, wonach sich Katastrophenschützer darüber beschwerten, dass sich ihre Ausbildung zu sehr auf Terror fokussiere. Die Bewältigung von Naturkatastrophen werde dadurch vernachlässigt.

Aber selbst wenn man der Terrorgefahr absolute Priorität einräumt: Wieso gibt es vier Jahre nach dem 11. September keinen Evakuierungsplan für jede größere amerikanische Stadt? Genau das hätte New Orleans jetzt gebraucht. Das Desaster lehrt, dass die Administration ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat.

Natürlich ist die Bewältigung von Katastrophen auch Sache der Bundesstaaten und Kommunen. Aber gerade der Süden, der besonders unter den Wirbelstürmen zu leiden hat, ist arm. Es fehlt an Geld für Ausrüstung und Personal. Daher trägt die Bundesregierung für größere Katastrophen die Hauptverantwortung. Neben der offenkundigen Fehlkonstruktion des bürokratischen Molochs Heimat-schutzministerium gibt es auch eklatante Führungsmängel an der Spitze. So war der Chef des Amts für Katastrophenschutz, Michael Brown, seiner Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen.

Erst behauptete er im Fernsehen, man sei für massive Hurrikanschäden gerüstet, dann schob er kleinlaut nach, seine Behörde habe den Sturm unterschätzt. Der Präsident täte gut daran, den ehemaligen Leiter von Pferdeshows rasch abzusetzen.

Bush scheint allerdings selbst angeschlagen. Der Mann, der sich in den Tagen nach dem 11. September als Krisenpräsident definierte, ist derzeit nur ein Schatten seiner selbst. Seine Umarmungsgesten für Hurrikan-Opfer wirken einstudiert, seine Worte sind hölzern. Es kommt kein Trost, kein Appell zur nationalen Kraftanstrengung. Zwischen Bush und dem Desaster scheint eine riesige unsichtbare Wand zu stehen.

Kein Wunder, dass sich die US-Medien auf den Präsidenten eingeschossen haben wie noch nie. So geißelt die „New York Times“ Bushs „tödliche Inkompetenz“, „Newsweek“ diagnostiziert eine „merkwürdige Lähmung“ im Weißen Haus. Doch das ist nichts gegen den knochentrockenen Kommentar William Kristols vom erzkonservativen „Weekly Standard“: „Die Clinton-Regierung hätte bei der Bekämpfung von ,Katrina’ einen besseren Job gemacht.“

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%