András Simor
Ungarns umstrittener Notenbank-Chef

Ungarns Wirtschaft liegt am Boden und nun ist auch noch ein Streit um Notenbank-Chef András Simor entbrannt. Oppositionpolitiker werfen ihm vor, Steuern hinterzogen zu haben – und fordern seinen Rücktritt. Der Nationalbank-Chef kommt in Erklärungsnöte.

WIEN. Eigentlich hat Ungarn schon genug Sorgen. Die Wirtschaft lahmt und wird in diesem Jahr wahrscheinlich um mehr als sechs Prozent schrumpfen. Auch für Ungarns Nationalbank-Chef András Simor sind damit die Herausforderungen immens: Er muss die schwache Landeswährung Forint wieder stärken und das Bankensystem am Laufen halten.

Doch Simor hat ausgerechnet jetzt zusätzlich große persönliche Probleme. Er ist zur Zielscheibe eines aktuellen politischen Konflikts in Ungarn geworden. Wegen vermeintlicher Steuerhinterziehungen fährt die konservative Oppositionspartei Fidesz schwere Geschütze gegen den Nationalbank-Chef auf und verlangt dessen Rücktritt. Das lässt keine gute Zusammenarbeit erahnen: Im Frühjahr wird ein neues Parlament in Ungarn gewählt. Fidesz gilt schon heute als sicherer Sieger, da die regierenden Sozialisten völlig unpopulär sind. Simor müsste nächstes Jahr mit einer Regierungspartei kooperieren, die heute seinen Rücktritt verlangt.

Simor hat 1999 auf Zypern das Beratungsunternehmen Trevisol Management Services Ltd. gegründet. Das hat in Ungarn lange Zeit niemanden interessiert. Seit gut zwei Jahren leitet der 55-jährige Simor jedoch die Nationalbank, berufen von den Sozialisten - und damit ist sein zyprisches Unternehmen auf einmal wichtig geworden.

Während die Wirtschaft schrumpft und die Zahl der Arbeitslosen steigt, ist das private Engagement von Simor Wasser auf die Mühlen der oppositionellen Partei Fidesz. Das Gros der Ungarn müsse darben, der Nationalbank-Chef lenke aber private Gelder auf die Mittelmeer-Insel und entziehe sich damit dem ungarischen Fiskus.

Für den Nationalbank-Chef ist das eine bittere politische Diskussion, zumal damit auch die unabhängige Rolle der Nationalbank infrage gestellt wird. Anstelle sich um die Wirtschaft zu kümmern, muss sich Simor jetzt wegen einer Privatangelegenheit öffentlich verteidigen.

"Das Geld habe ich legal außerhalb Ungarns verdient und rechtmäßig auf Zypern versteuert", beteuerte Simor in einer Parlamentsanhörung. Für Aufsehen sorgte in Ungarn vor allem die Tatsache, dass in Simors Steuererklärung vor zwei Jahren umgerechnet etwa drei Millionen Euro verschwunden sind.

Simor räumt zumindest ein, dass er einen Fehler gemacht haben könnte. Nicht im rechtlichen Sinn, aber moralisch. Öffentliche Amtsträger wie der Chef der Nationalbank unterlägen einer schärferen Kontrolle. "Ich habe verstanden", sagte er im Parlament. Um nicht noch weiter in die Schusslinie zu geraten, will der Notenbank-Chef sein Unternehmen auf Zypern "so schnell wie möglich" verkaufen.

Delikat ist das Timing dieser Ankündigung: Simor löst seine Firma nach dem Erdrutsch-Sieg von Fidesz bei den Europawahlen auf. Die Oppositionspartei war dabei vergangene Woche auf knapp 60 Prozent der Stimmen gekommen. Die Europawahl galt als letzter Stimmungstest vor den im Frühjahr anstehenden nationalen Wahlen. Simors Rückzug aus Zypern erweckt nun den Anschein, als ob der an sich unabhängige Chef der Nationalbank vor der Partei einknickt, die im nächsten Jahr den Premier in Budapest stellen wird.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%