Angela Merkel
Die Rede vor dem Sturm

Angela Merkels historische Einladung in den US-Kongress ist nur ein Vorschuss. Bald schon erwartet US-Präsident Barack Obama von der Kanzlerin konkrete Unterstützung – besonders beim Krieg in Afghanistan. Die transatlantische Harmonie dürfte schon bald vorbei sein.

WASHINGTON. Angela Merkel wirkt überwältigt, fast schüchtern, als sie am Rednerpult wartet, dass der Applaus abebbt. Amerikas politisches Establishment applaudiert ihr zwei lange Minuten stehend. Merkel dürfte spüren, dass dieser Applaus nicht nur der deutschen Kanzlerin gilt, sondern auch ihr persönlich. Die Amerikaner haben einen Sinn für außergewöhnliche Biografien. Und die ostdeutsche Kanzlerin hat genau eine solche Biografie.

Merkel erzählt vor dem versammelten US-Kongress von ihrer Jugend in der DDR. Wie sie über Amerika nur aus Büchern erfuhr, die Verwandte über die Grenze geschmuggelt hatten. Wie sie für amerikanische Jeans schwärmte, die es in der DDR nicht gab. Lacher im Plenum, immer wieder Applaus. Der Anfang läuft vielversprechend.

Die Einladung für Merkel in Amerikas Parlament ist eine Geste der Wertschätzung. Aber die Kanzlerin weiß auch: Sie ist auch ein Vorschuss. In den nächsten Wochen und Monaten muss sie mit den USA politisch um manches ringen. Themen wie der Klimawandel und der Krieg in Afghanistan drängen auf die Tagesordnung, und Deutsche und Amerikaner sind sich längst nicht einig. Merkel wird auf die Amerikaner zugehen müssen – und die erwarten genau das.

Daher ist ihre Rede vor dem Kongress so etwas wie die Ouvertüre einer Oper. Sie klingt schön und reißt viele Themen an, aber dramatische Momente dürften schon bald folgen.

Wie schön, wenn es zuvor noch einmal beeindruckende Bilder bilateraler Behaglichkeit zu sehen gibt. Amerikaner gelten ja eher als nüchtern. Es sei denn, sie wollen staatstragende Würde ausstrahlen. Dann sind glanzvolle Zeremonien und großes Pathos à la Hollywood erwünscht. Die pompöse Amtseinführung des neuen Präsidenten alle vier Jahre Ende Januar mit Vereidigung auf den Stufen des Kapitols und Autokorso zum Weißen Haus ist so ein Moment.

Und auch für die frisch wiedergewählte Bundeskanzlerin legt sich das Protokoll in Washington ins Zeug. Als Merkel morgens um neun Uhr vor dem Weißen Haus vorfährt, tollt Präsidentenhund Bo über den Rasen. Barack Obama führt Merkel ins Oval Office, gratuliert ihr zur Wiederwahl und lobt ihre Führung bei Themen wie Klimawandel und der neuen Weltwirtschaftsordnung. „Deutschland ist ein außerordentlich starker Verbündeter“, sagt Obama.

Dann geht es per Limousine Washingtons Prachtstraße, die Pennsylvania Avenue, hinunter. Ganz am Ende liegt das Kapitol, dessen 90 Meter hohe, weiße Kuppel den Himmel zu stützen scheint. Als 1793 sein Grundstein gelegt wurde, stand hier George Washington persönlich und hatte sich eine Maurerkluft angelegt.

Hier trifft Merkel, sie trägt einen festlich-schwarzen Blazer, Nancy Pelosi. Als Sprecherin des Repräsentantenhauses ist die Demokratin die drittmächtigste Politikerin Amerikas und Merkels Gastgeberin.

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