Anglo Irish Bank
Banken rechnen mit weiteren Verstaatlichungen

Großen Teilen des maroden irischen Bankensystems droht endgültig die Verstaatlichung, wie sie bereits bei dem Skandalinstitut Anglo Irish Bank eingetreten ist. Experten befürchten die Rettung der Banken könnte rund 70 Milliarden Euro kosten.
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LONDON. Die Anglo Irish Bank rechnet nach den Hilfen für den angeschlagenen Bankensektor des Landes mit weiteren Verstaatlichungen. Es müsse schnell und entschlossen gehandelt werden, um mindestens zwei lebensfähige Banken für das irische System zu schaffen, sagte Anglo-Irish-Bank-Chef Alan Dukes am Montag in Dublin. „Und je früher und schneller wir das tun, desto schneller können wir in eine Situation gelangen, in der wir in unserer Beziehung zu den Märkten zu einer Art Normalität zurückkehren.“

Die Aussagen des früheren Finanzministers lassen darauf schließen, dass mit den zur Verfügung gestellten Mitteln zwei große Banken aus den derzeit wichtigsten Geldhäusern geschaffen werden sollen. Die Anglo Irish Bank wurde vergangenes Jahr durch die Regierung vor dem Kollaps bewahrt. Sie hatte sich im Bau- und Immobiliensektor verspekuliert.

Patrick Honohan, der Notenbankchef des Landes glaubt, dass die Banken dringend eine "Überkapitalisierung" brauchen, um das Vertrauen von Kunden und Märkten zurückzugewinnen, und Finanzminister Brian Lenihan räumt ein, dass die "Banken ein zu großes Problem sind. Unser wichtigstes Ziel ist es einen Kollaps des Finanzsektors zu verhindern".

Analysten gehen davon aus, dass die Regierung in Dublin noch einmal 25 bis 35 Mrd. Euro aus dem Hilfspaket von EU und Internationalem Währungsfonds in den Finanzsektor pumpen muss. Das aber würde den Anteil des Staates an den Instituten weiter in die Höhe treiben.

In Finanzkreisen hieß es, dass Irland versuchen werde, die harten Kernkapitalquoten der schwer angeschlagenen Geldhäuser auf zwölf bis 13 Prozent von derzeit sieben bis acht Prozent zu erhöhen. Um die Kapitalreserven entsprechend aufzufüllen, bräuchte allein das zweitgrößte Institut des Landes, Allied Irish Banks noch einmal Hilfen im Wert von bis zu zehn Mrd. Euro, was den Anteil des Staates auf deutlich über 90 Prozent in die Höhe treiben würde. Auch beim größten irischen Institut Bank of Ireland würde durch weitere Staatshilfen die Beteiligung der Regierung wohl auf über 50 Prozent steigen. Das Skandalinstitut Anglo Irish Bank ist bereits vollständig verstaatlicht.

Darüber hinaus könnten EU und IWF die Banken zwingen, sich gesundzuschrumpfen. Die Geldhäuser müssen sich wohl von weiteren Institutsteilen, die nicht zum Kerngeschäft gehören, trennen und umfangreiche Kreditpakete verkaufen.

Die irischen Banken stehen im Mittelpunkt der tiefen Wirtschaftskrise, die die Insel erschüttert. Die Institute hatten während des langen Immobilienbooms ebenso freigiebig wie fahrlässig Kredite vergeben. Als die Blase platzte, standen die Institute kurz vor dem Kollaps.

Bislang erwartete die Regierung in Dublin, dass die Sanierung des Finanzsystems im schlimmsten Fall 50 Mrd. Euro kosten wird. Doch Volkswirt Morgan Kelly vom University College in Dublin fürchtet, dass neue Ausfälle von Immobilienkrediten die Kosten für die Bankenrettung auf 70 Mrd. Euro oder rund 44 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung in die Höhe treiben werden.

In den vergangenen Monaten hatten Großkunden massiv Mittel aus den irischen Banken abgezogen. Am Interbankenmarkt, über den sich die Institute normalerweise refinanzieren, ist das Misstrauen dramatisch gewachsen. Die Ratingagentur Fitch warnt, die irischen Banken seien inzwischen "fast vollständig abhängig" von der Notfinanzierung durch die Zentralbanken. Im Oktober stiegen die Kredite der Europäischen Zentralbank an irische Geldhäuser um zehn Prozent auf 130 Mrd. Euro, rund ein Viertel aller Refinanzierungskredite der EZB, dazu kamen 20 Mrd. Euro der irischen Notenbank. mm

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