Angriff der Spekulanten
Deutschland und Frankreich rücken zusammen

Merkel und Sarkozy wollen auf einem Sondergipfel Maßnahmen gegen die Finanzkrise beraten, denn inzwischen greifen die Märkte Kerneuropa an. Warum die Panik auch die Bundesrepublik erreichen kann und was dagegen spricht.
  • 24

DüsseldorfBundeskanzlerin Angela Merkel wird anlässlich der Finanzkrise am kommenden Dienstag zu einem Sondertreffen mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy nach Paris reisen. Das teilte der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung, Christoph Steegmans, am Donnerstag mit. Nach Angaben des Élysée-Palastes wird es bei dem Treffen um die wirtschaftspolitische Steuerung der Eurozone gehen. Noch vor Ende des Sommers sollen den Angaben zufolge „gemeinsame Vorschläge“ zur wirtschaftspolitischen Steuerung der Eurozone vorgestellt werden.

Deutschland und Frankreich rücken zusammen, die Regierungen beider Länder treffen sich hastig, denn inzwischen geht es in der Euro-Krise nicht mehr um die Peripherie Europas, sondern um Deutschland und Frankreich, das Fundament auf dem die gesamte EU beruht.

Die Spekulanten greifen an: Die drei großen Agenturen Fitch, Moody's und Standard & Poor's meldeten sich am Mittwoch allesamt zu Wort, um Marktgerüchte über eine drohende Herabstufung Frankreichs zu zerstreuen. Fitch wiederholte, man halte an der höchstmöglichen Bonitätseinstufung Frankreichs mit stabilen Ausblick fest. Moody's teilte dies ebenfalls mit. „Nichts hat sich geändert“, fügten die Bonitätsprüfer hinzu. S&P-Analystin Nikola Swann betonte, der französischen Regierung sei es ernster mit der Bekämpfung des Haushaltsdefizits als der US-Regierung.

Und dennoch machte sich am Mittwoch an den Börsen Angst breit. „Die Gerüchte um Frankreichs „AAA'-Rating haben katastrophale Auswirkungen trotz der Dementi der Ratingagenturen. Die Leerverkäufer spielen verrückt, es ist schlimm. Dies hat nichts mit den Fundamentaldaten zu tun“, sagte Fondsmanager Christian Jimenez von Diamant Bleu Gestion.

Droht Deutschland ein ähnliches Schicksal? Auch die Bonität der Bundesrepublik könnte theoretisch unter Druck geraten, wenn die Märkte sich Deutschland als neues Ziel suchen. Doch damit das passiert, muss Einiges zusammenkommen.

Denn damit die Spekulation funktioniert, darf das negative Gerücht, was sie befeuert, nicht völlig aus der Luft gegriffen sein. Gerüchte müssen auf einen fruchtbaren Boden fallen, wenn sie zu massiven Preisänderungen führen sollen. Anders gesagt: Ein Gerücht ist immer flüchtig, damit es hängenbleibt, muss es plausibel sein. Es muss ins Bild passen. Es muss einen glaubhaften Kern enthalten.

Im Falle Frankreichs ist der insofern vorhanden, als das Land mit rund 87 Prozent der Wirtschaftsleistung laut Regierung bis Ende 2011 die höchste Verschuldung aller sechs Euro-Zonen-Länder haben wird, die noch mit der Top-Bonitätsnote AAA bewertet werden. Bei Deutschland sind es nur 80 Prozent.

Doch nicht die Schulden allein, auch ihre Verteilung auf inländische und ausländische Gläubiger beeinflussen die Kreditwürdigkeit eines Staates - und machen Spekulation gegen ein Land wahrscheinlich. Das Kalkül der Märkte: Hat eine Regierung sich stark im Ausland verschuldet, fällt es ihr leichter, ihre Rückzahlungsversprechen nicht einzuhalten. Wenn sie Bankrott geht, muss sie sich nicht nicht bei den eigenen Bürgern rechtfertigen, die sie wählt - die Verluste treffen Ausländer, nicht Inländer.

Umgekehrt steigt bei starker Auslandsverschuldung die Wahrscheinlichkeit eines Spekulationsangriffs. Denn ausländische Gläubiger betrachten ihre Investition als Vermögensanlage - und werden bei Gerüchten über mangelnde Bonität viel schneller unruhig als Bürger, die ihrer eigenen Regierung Kredit geben und von den möglichen Folgen einer Pleite direkt betroffen wären.

Auch in punkto Auslandsschulden steht Deutschland besser - aber nicht viel besser - da: Der französische Staat ist mit rund 52 Prozent der französischen Wirtschaftskraft im Ausland verschuldet, Deutschland nur mit 43 Prozent. Beide Länder schulden ausländischen Gläubigern in etwa gleich viel, rund 1400 Milliarden Dollar. Mit dem Geld könnte man rund 40 Millionen VW Golf kaufen - einen für jeden deutschen Haushalt.

Seite 1:

Deutschland und Frankreich rücken zusammen

Seite 2:

Deutschlands Schulden gelten weiterhin als das Maß der Dinge

Kommentare zu " Angriff der Spekulanten: Deutschland und Frankreich rücken zusammen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Merkel bekommt immer eine Umarmung und Kuesschen von Sarko wenn er deutsche Steuergelder haben will.

  • Leute,
    der Fisch stinkt immer vom Kopf her!
    Macht euch nix vor, das Finanzsystem ist eben so aufgebaut, dass es zusammenbrechen muss. Wie in der Vergangenheit schon häufiger der Fall. Das ist nichts neues. Hier wird nur versucht Zeit zu gewinnen, die Sympthome zu bekämpfen, aber nicht die Ursache. Die Taktik der Macher geht voll auf. Die Komplexität des Finanzmarktes ist gewollt, damit sich ja so wenige wie möglich damit befassen.
    Dabei ist das Grundprinzip ganz einfach:
    http://www.youtube.com/watch?v=_h0ozLvUTb0
    Auch wenn es sehr simpel aufgebaut ist, man erkennt doch den Bezug zur Realität, so dass es eigentlich jedes Grundschulkind mit logischem Verstand versteht.

  • Frankreich hat ja auch eine Verfassung und ist ein souveräner Staat. Deutschland nicht!
    Von daher kannst du die nicht vergleichen.
    Ein nicht souveräner Staat unterliegt demgegenüber der Befehlsgewalt eines anderen Staates, also der USA.
    Somit ist der Merkel nichts vorzuwerfen. Sie kann einfach nichts selbst oder im Sinne des Volkes entscheiden.

    ps: Das GG ist keine Verfassung!!! Eine Verfassung kann sich nur ein Volk selbst geben, d.h sie wird in einer verfassungsgebenden Versammlung ausgearbeitet und vom Volk beschlossen. Änderungen der Verfassung bedürfen ebenfalls der Zustimmung des Volkes. Das Grundgesetz wurde nach Vorgaben der Alliierten ausgearbeitet und Stand immer unter dem Vorbehalt der Alliierten.

    Also bleibt uns nur zu hoffen, dass alles gut für uns ausgeht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%