Angst vor Chemiewaffen
„Syrien befindet sich im freien Fall“

In Syrien begehen längst nicht mehr nur die Regierungstruppen Kriegsverbrechen. Alle Konfliktparteien gehen skrupellos vor. Und es wächst die Angst vor Chemiewaffen. Für deren Einsatz gibt es bereits Hinweise.
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GenfDer Arzt stand am Fluss Kuwaik in Aleppo und zählte. Er kam auf 140. So viele Leichen habe er persönlich im Wasser treiben sehen, sagte der Mediziner der Syrien-Untersuchungskommission. Diese Menschen seien zuvor in jenem Teil Aleppos, der von Regierungstruppen kontrolliert wird, in Gefängnissen „verschwunden“, berichtete die unabhängige Syrien-Kommission am Dienstag dem UN-Menschenrechtsrat in Genf. Sie seien ermordet und ihre Leichen seien einfach in den Fluss geworfen worden.

Wie ein Kompendium des Grauens liest sich der jüngste Bericht der Expertengruppe unter Leitung des brasilianischen Diplomaten Paulo Pinheiro: Tausende getötete Zivilisten, mindestens 17 Massaker allein im Berichtszeitraum Mitte Januar bis Mitte Mai. Systematische Vergewaltigungen, willkürlich Erschießungen, gezielte Angriffe auf Zivilisten.

Geschildert wird eine tägliche Routine von Kriegsverbrechen. Begangen werden sie längst nicht mehr allein von Regierungstruppen, sondern immer öfter auch von jener Seite, die einst zur „Revolution der Würde“ gegen die Assad-Diktatur aufrief. „Video-Aufnahmen zeigen ein Kind“, liest man, „das an der Enthauptung von zwei Männern teilnimmt.“ Die Geköpften seien Soldaten gewesen. Die Bluttat wird Rebellen zugeschrieben.

Der Krieg habe ein bislang nicht gekanntes Ausmaß an Brutalität erreicht und beginne, die gesamte Region zu destabilisieren, warnte Pinheiro vor dem Menschenrechtsrat: „Syrien befindet sich im freien Fall.“ Zugleich machte die Kommission klar, dass alle bisherigen Bilder des Grauens durch ein noch viel größeres Schreckensszenario in den Schatten gestellt werden könnten: Massenmorde mit Chemiewaffen.

Längst sind Geheimdienste überzeugt, dass das Regime über große Mengen des gefährlichen Nervengases Sarin und andere hochgiftige Kampfstoffe verfügt. Doch wird es sie einsetzen? Das fragt sich die Welt seit Monaten. Ja, sagen vor allem jene Politiker im Westen, die - wie die Regierungen Frankreichs und Großbritanniens - eine baldige Aufrüstung der Opposition mit modernen Waffen befürworten.

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  • Nachtrag:
    Sollte natürlich heißen: ...warum es definitiv NICHT geht sind Menschenrecht...

  • Ich denke, es wurde jetzt schon mehrfach erwähnt, daß es in Syrien um Gasvorkommen und vor allem um zwei konkurrierenden Gaspipelines geht: Team Iran/Rußland(Gasprom)/Syrien gegen USA/EUdSSR/Katar(Sunni-Arabien). Das Ganze ist eine Schlacht im Krieg um die Kontrolle der Gasversorgung Europas. Vielleicht hat Erdogan nicht so recht gespurt, was die Rolle der Türkei in der ganze Angelegenheit angeht (außerdem erhebt die Türkei ja auch Ansprüche auf die Vorkommen im östlichen Mittelmeer - vielleicht hat er zu hoch gepokert). Der derzeitige "türkische Frühling" könnte daher ebenfalls ins Bild passen - der arabische Frühling hat ja schon offenbar unerwünschte Regime weggefegt.

    Warum es jedenfalls definitiv geht sind Menschenrechte oder die Leiden der syrischen Bevölkerung bzw. allenfalls als Vorwand, um da mal richtig losschlagen zu können. Diese Scheinheiligkeit ist wirklich zum übel werden.

  • Handelsblatt 27.07.2012, 18:15 Uhr
    Rebellen werden heimlich mit Waffen versorgt.
    Syrischen Rebellen werden offenbar heimlich mit Waffen beliefert. Insidern zufolge haben die Türkei, Saudi-Arabien und Katar einen geheimen Anti-Assad-Stützpunkt in der türkischen Stadt Adana eingerichtet.
    Dazu ein bestätigender link aus der Faz.
    Und ihr denkt,es geht um einen Diktator

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/syrien-und-ihr-denkt-es-geht-um-einen-diktator-11830492.html

    "Den Amerikanern und der westlichen Seite geht es nicht darum,der bedauernswerten syrischen Bevölkerung zu helfen, sondern um Einflussnahme auf die Neugestaltung des Landes nach einem voraussichtlichen Sturz des derzeitigen Regimes,
    obwohl man mit diesem bisher stets gut zusammenarbeiten konnte.

    Mehrere, seit längerem geplante, für den Westen wichtige Öl- und Gaspipelines stehen auf dem Spiel, die Saudi-Arabien und Qatar mit dem östlichen Mittelmeerraum und der Türkei verbinden und deshalb partiell durch syrisches Gebiet führen sollen."

    Aus drei Regionen,fallen bezahlte Söldner ins Land.
    Aufgepeitscht vom Westen und den Amerikanern.
    Frankreich und Großbritanien,können garnicht abwarten,
    den Rebellen in ihrem blutigem Handwerk beizuspringen.

    Wir machen uns mitschuldig,wenn wir Assad nicht
    unterstützen...Da sind Bestien am Werk und Assad
    wird irgendwann nicht weiter wissen.

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