Angst vor dem Schuldenvirus
EU tastet sich an Griechenland-Pleite heran

Im Kampf gegen die Schuldenkrise lassen die Euro-Staaten fast alle Tabus fallen. Eine Griechenland-Pleite wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. EU-Kommissar Olli Rehn sieht gar die ganze Euro-Zone bedroht.
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Brüssel/Rom/AthenDie Euro-Finanzminister wollen nun eine Umschuldung prüfen lassen und alle Optionen zur Beteiligung privater Gläubiger an der Rettung des Landes prüfen. Das Motto ist, alles zu tun, damit Griechenland seinen Schuldenberg wieder unter Kontrolle bringt. Die EU-Staats- und Regierungschefs werden wegen der Krise womöglich am Freitag einen Sondergipfel in Brüssel abhalten, wie EU-Diplomaten sagten. Die Entscheidung über das zweite Hilfspaket kann aber noch Wochen auf sich warten lassen. An den Finanzmärkten brach Panik aus, dass der Euro untergehen könnte. Das Euro-Schwergewicht Italien droht nun ebenfalls in den Schuldensog zu geraten.

Unter den EU-Politikern in Brüssel und Athen herrscht große Nervosität. EU-Währungskommissar Olli Rehn sagte am Dienstag in Brüssel, die Krise sei jetzt systemisch, also auf die gesamte Euro-Zone übergeschwappt. Die gesamte europäische Wirtschaft sei jetzt in Gefahr. Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou warf den Euro-Partnern in einem Brief an Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker vor, zu spät gehandelt zu haben und zu sehr ihre innenpolitische Lage im Blick zu haben. Er prangerte die „Kakophonie“ der Euro-Politiker an.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte, der Schlüssel zur Lösung der Schuldenkrise sei es, den Schuldenberg von 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Griechenland wieder tragfähig zu machen. „Das muss schnell geschehen, nur so werden die Märkte vertrauen fassen.“ Die Euro-Finanzminister vereinbarten deshalb, Griechenland Finanzhilfen zu günstigeren Konditionen bereitzustellen. Die Laufzeiten der Hilfskredite sollen erneut verlängert, und die Zinsen dafür weiter gesenkt werden.

Auch soll der Euro-Rettungsfonds EFSF künftig womöglich griechische Staatspapiere am Sekundärmarkt aufkaufen. Diese Art Schuldenschnitt hatten die Euro-Länder vor Kurzem auf Druck Deutschlands noch ausgeschlossen. Jetzt nannte Schäuble auch den Vorschlag von Commerzbank-Chef Martin Blessing zu einem radikalen Schuldenschnitt eine nicht uninteressante Idee, die so wie alle anderen Vorschläge geprüft werde. Auch das Nein des deutschen Finanzministers zu Eurobonds fiel nicht mehr so hart aus wie bisher.

Nach Einschätzung von Analysten ist das eine fundamental neue Strategie im Kampf gegen die Krise. Diese sei nun von der Peripherie auf den weichen Kern der Euro-Zone - Italien - übergeschwappt, sagte der Chef-Volkswirt der Citigroup Willem Buiter. „Das ist eine Systemkrise. Das ist existenziell für die Euro-Zone und die EU.“ Analysten der Lloyds Bank machten dafür auch das Zögern Deutschlands verantwortlich.

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  • Die Sache läuft nicht so problemlos durch, da haben Sie schon Recht, weil diejenigen die die Fäden ziehen selber an den Fäden hängen und die sind völlig unberechenbar und führen ihr Eigenleben.

  • Ich denke mal, dass es sich hier um eine Designer-Krise handelt, die künstlich erzeugt wurde, um eine EUdSSR errichten zu können. Um zu rechtfertigen, dass eine EUdSSR-Diktatur notwendig ist, weil es ansonsten Chaos gibt.

    Ein einfältiger Plan der Bilderberger.

    Aber wir Deutschen sind nicht so dumm!

  • @Zeitzeuge
    Mir ist nicht unbekannt geblieben, dass sie zu denjenigen gehören, die sich einen klaren Blick und einen klaren Kopf bewahrt haben und in Ihrer Analysefähigkeit so ziemlich über dem beklagenswertem Durchschnitt lagen. Dazu darf ich Sie ausdrücklich beglückwünschen.

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