_

Angst vor Inflation: Russlands Aufschwung verbrennt

Die Brandkatastrophe kostet die russische Volkswirtschaft Milliarden. Doch die Börse reagiert bislang erstaunlich gelassen auf die Tragödie. Allerdings nur solange die Ölindustrie nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. In der Zwischenzeit wächst die Kritik am Krisenmanagement der Regierung.

Noch immer lodern nach offiziellen Angaben in 30 von 83 russischen Regionen mehr als 500 Brandherde. Quelle: dpa
Noch immer lodern nach offiziellen Angaben in 30 von 83 russischen Regionen mehr als 500 Brandherde. Quelle: dpa

MOSKAU. Der giftige Qualm schleicht sich nachts heran, wenn Moskau schläft. Er kriecht durch Türschlitze und schlecht isolierte Holzfenster. Frühmorgens weckt Brandgeruch die elf Millionen Einwohner der russischen Hauptstadt - versetzt mit Kohlenmonoxid, das die Metropole zum Kettenrauchen verdammt. Eine Stunde im Freien, sagen Ärzte, wirkt auf den Körper wie der Rauch einer Schachtel Zigaretten. Die Sterberate hat sich in der Stadt inzwischen auf 700 Menschen täglich verdoppelt, meldet der Chef der Gesundheitsbehörde Andrej Selzowski.

Anzeige

Bei den schwersten Wald- und Torfbränden der russischen Geschichte versuchen tausende Einsatzkräfte, ein Übergreifen der Feuersbrunst auf Atomanlagen und radioaktiv verseuchte Gebiete zu verhindern. Für die Ural-Stadt Osjorsk mit dem großen Atommüllaufbereitungs- und Lagerungszentrum Majak gaben die Behörden am Dienstag aber zunächst Entwarnung. Die Brände in der Nähe der Anlage seien gelöscht, sagte die Sprecherin des Zivilschutzministeriums, Irina Andrianowa, nach Angaben der Agentur Interfax. Der Bürgermeister von Osjorsk, Viktor Trofimtschuk, verhängte dennoch den Ausnahmezustand. Damit sind etwa Picknicks in den Stadtparks und umliegenden Wäldern verboten.

Im ganzen Land blieb die Lage gespannt. Nach Angaben des Zivilschutzministeriums brannten am Dienstag noch mehr als 550 Feuer auf einer Fläche von mehr als 1700 Quadratkilometern. Darunter befänden sich knapp 70 Großbrände. Die Feuerwalze nähert sich nach Angaben russischer Behörden immer wieder bedrohlich den Atomanlagen des Landes. Experten befürchten aber vor allem, dass die Waldbrände radioaktiv verseuchte Böden aufwirbeln und das Strahlengift in andere Regionen tragen könnten. Der Atomkonzern Rosatom warnte dagegen vor Panikmache. Die Atommülldeponien seien durch einen mehrschichtigen Mantel aus Beton und Metall geschützt, so dass Feuer sie kaum beschädigen könnten.

Die Naturkatastrophe wird vermutlich als eine der teuersten in die jüngere Geschichte Europas eingehen. Noch halten sich Ökonomen mit Schätzungen zurück: "Frühestens im Herbst werden wir die Kosten annähernd überschlagen können", sagt Alexander Jakowlew, Chef-Analyst der Informationsagentur RBK in Moskau. Fest stehe aber, dass die Schäden in Milliardenhöhe gehen.

Wegen der Feuersbrunst haben Großkonzerne wie der Lkw-Hersteller und Daimler-Partner Kamas die Bänder zeitweise angehalten. Auch der französische Autobauer Renault schickt seine Mitarbeiter in die Ferien: Bis zum 23. August wird kein Wagen das Moskauer Werk verlassen. Im russischen Volkswagen-Werk Kaluga steht die Produktion ebenfalls vorübergehend still. Der Produktionsstopp trifft den Autobauer zur Unzeit, denn dank der russischen Abwrackprämie wächst der Absatz wieder in zweistelliger Prozenthöhe.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Studie: Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Wenn zwei Unternehmen um ein anderes streiten, bedeutet das oft nicht Gutes für den Gewinner. Denn bei Übernahmen können die Sieger die Erwartungen oft nicht erfüllen. Profiteur ist - der Verlierer.

Afghanistan: Acht Zivilisten bei Nato-Angriff getötet

Acht Zivilisten bei Nato-Angriff getötet

Ein Nato-Angriff hat in Afghanistan offenbar eine ganze Familie ausgelöscht. Sechs Kinder und deren Eltern sind laut der Provinzregierung ums Leben gekommen. Am Vortrag gab es bereits tödliche Gefechte mit der Taliban.

Wüstenrot-Studie: Jeder dritte Deutsche fürchtet Immobilienblase

Jeder dritte Deutsche fürchtet Immobilienblase

Rund 44 Prozent der Deutschen halten die Preise für Häuser und Wohnungen für deutlich überhöht. Sie fürchten sich vor einer Immobilienblase. Vor allem die Bürger eines Bundeslandes sind besonders skeptisch.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International