Anja Niedringhaus
Deutsche Kriegsfotografin in Afghanistan getötet

Die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus ist in Afghanistan getötet worden, eine Kollegin wurde schwer verletzt. Laut Behörden ereignete sich die Attacke auf einem Polizeistützpunkt. Die deutsche Botschaft ermittelt.
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KhostEinen Tag vor der Parlamentswahl in Afghanistan ist im Osten des Landes die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus getötet worden. Bei dem Angriff in der Provinz Khost sei zudem die kanadische Kollegin Kathy Gannon, 60, durch Schüsse schwer verletzt worden, teilte die örtliche Polizei am Freitag mit. Demnach ereignete sich die Attacke innerhalb eines Polizeistützpunkts. Die 48-jährige Niedringhaus arbeitete für die US-Nachrichtenagentur AP.

In Afghanistan findet am Samstag die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Im Vorfeld der Abstimmung verstärkten die radikalislamischen Taliban ihre Angriffe. Sie drohten damit, die Wahl zu boykottieren und gewaltsam zu stören. Inzwischen hat sich die Bundesregierung in den Fall eingeschaltet. Die deutsche Botschaft in Kabul sei „mit Nachdruck um Aufklärung bemüht“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Freitag in Berlin.

Niedringhaus war die wohl bekannteste deutsche Kriegsfotografin und hatte große Erfahrung mit der Arbeit in Krisengebieten wie Afghanistan, Libyen, dem Irak und Bosnien. 2010 wurde sie in Afghanistan verletzt. Für ihre Aufnahmen aus dem Irak erhielt sie 2005 den renommierten Pulitzer-Preis.

Ein freier AP-Mitarbeiter war Zeuge des Vorfalls und schilderte den Hergang so: Ein Polizist habe das Feuer auf ein Auto eröffnet, in dem die beiden gesessen hätten. Niedringhaus sei sofort tot gewesen, was später auch ein Mediziner bestätigte. Die verletzte Journalistin Gannon sei in medizinischer Behandlung. Ihr Zustand sei stabil, hieß es.

Die beiden Journalistinnen reisten in einem Konvoi mit Wahl-Mitarbeitern, die Wahlzettel aus dem Zentrum von Chost in die Randgebiete liefern sollten. Der Konvoi wurde durch die afghanische Armee und Polizei geschützt. Die Frauen saßen in ihrem eigenen Auto, in dem auch ein Fahrer und der freie Mitarbeiter mitfuhren.

Sie hatten kurz vor dem Vorfall das schwer bewachte Gelände des Bezirks erreicht, wie der freie Mitarbeiter berichtete. Als sie darauf gewartet hätten, dass sich der Konvoi in Bewegung setzen würde, sei ein Kommandeur der Einheit mit dem Namen Nakibullah zum Auto gelaufen, habe gebrüllt „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) - und das Feuer mit seiner Kalaschnikow auf die Frauen im Fond eröffnet. Er habe sich dann den anderen Polizisten ergeben und sei festgenommen worden.

AP-Chefredakteurin Kathleen Carroll sagte: „Anja und Kathy verbrachten zusammen Jahre in Afghanistan und berichteten über den Konflikt und die Menschen dort. Anja war eine lebhafte, dynamische Journalistin, viel geliebt für ihre einfühlsamen Aufnahmen, ihr warmes Herz und ihre Lebensfreude. Wir sind untröstlich über den Verlust.“

Erst vor einigen Wochen wurde ein prominenter afghanischer Journalist der Nachrichtenagentur AFP bei einem Anschlag auf ein Luxushotel im Zentrum der Hauptstadt Kabul getötet. Seit dem Jahr 2002 wurden nach Angaben von Reporter ohne Grenzen mindestens 19 Journalisten in Afghanistan getötet. Vor allem im Süden und Osten des Landes seien sie gefährdet. Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Afghanistan auf Platz 128 von 180.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur
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AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Anja Niedringhaus: Deutsche Kriegsfotografin in Afghanistan getötet"

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  • wem nützen solche, unter lebensgefahr aufgenommene fotos außer denen, die damit geld verdienen. noch kein krieg wurde durch fotografen verhindert und/oder beendet. am elend verdienen sich ein paar eine goldene nase. business as usual. leider, mit manchmal tödlichen nebenfolgen. genau dies wird aber bewußt in kauf genommen.

  • Ja, 13 Jahre Brunnenbohren und Mädchenschulen bauen haben merkliche Verbesserungen hinterlassen am Hindukusch. Der Einsatz war anscheinend ein voller Erfolg. Ein super sicheres Land.

    Und, ja, im Krieg werden Menschen getötet. Leider haben die Kriegsberichterstatter nicht den Luxus des Ami-Kriegers, der todesmutig im 1000e km entfernten klimatisierten Büro sitzt und von dort seine Predator-Drohnen ballern läßt.

  • "Wem nützen denn die "Reportagen aus den Kriegsgebieten" ? "
    ---
    Gute... nein, *intensive* Bilder aus Kriegsgebieten rütteln auf, sorgen dafür, daß die Menschen nachdenken, ob das alles so richtig ist.
    Dieses Bild von Nick Út

    http://www.archive.worldpressphoto.org/search/layout/result/indeling/detailwpp/form/wpp/q/ishoofdafbeelding/true/trefwoord/year/1972

    hat z.B. dazu beigetragen, daß der Vietnam-Krieg von der Öffentlichkeit nicht mehr mitgetragen wurde.

    "Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte", das ist immer noch aktuell.

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