Ankara hofft auf Bestätigung der EU-Perspektive durch deutschen Außenminister
Türkei stemmt sich gegen Krisenstimmung im Land

Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) reist an diesem Montag zu einem kurzfristig anberaumten Besuch in die von einer Terrorwelle heimgesuchte Türkei. Die Reise sei als „Zeichen der Solidarität mit dem türkischen Volk“ zu verstehen, hieß es in Fischers Umgebung. Es dürfte dem deutschen Außenminister aber auch darum gehen, Irritationen in Ankara vorzubeugen, die dort durch die am Wochenende in Deutschland aufgeflammte Kontroverse um die Beitrittsperspektive der Türkei zur EU entstehen könnten.

ISTANBUL. Unionspolitiker hatten nach den jüngsten Anschlägen gewarnt, wer der Türkei nun die Tür zur EU öffne, gewähre damit auch dem Terrorismus Einlass. Bundeskanzler Gerhard Schröder kritisierte diese Äußerungen am Wochenende als „charakterlos“.

Die Fahndung nach den Hintermännern der Anschlagsserie, die binnen sechs Tagen 55 Tote und rund 750 Verletzte forderte, läuft auf Hochtouren. Alle vier Sprengstoffautos wurden von türkischen Moslem-Extremisten gesteuert, bestätigte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Wochenende. Die Drahtzieher aber werden im Terrornetzwerk El Kaida vermutet, das sich zu den Attentaten bekannte.

Nach den Anschlägen herrschen in der Türkei Verunsicherung und Nervosität. Aber von einer Krisenstimmung kann zumindest in Wirtschaftskreisen keine Rede sein. Dyfrig John, COO der britischen Großbank HSBC, gibt sich unbeugsam: „Wir bleiben in der Türkei engagiert“. In Istanbul besuchte John am Wochenende verletzte Mitarbeiter und Hinterbliebene der beiden Todesopfer, die der Bombenanschlag auf die türkische Hauptverwaltung des Kreditinstituts am vergangenen Donnerstag gefordert hatte. Man habe die HSBC „als eine Bastion der britischen Wirtschaft“ angegriffen, erklärten die Terroristen in ihrem Bekennerschreiben. Das zwanzig Stockwerke hohe Gebäude wurde durch die Explosion der Autobombe schwer beschädigt und wird monatelang unbenutzbar bleiben. Die 156 Zweigstellen der HSBC waren bereits am Tag nach dem Attentat wieder geöffnet. „Die Türkei bleibt ein wichtiger Markt für unsere Gruppe, und wir wollen hier expandieren“, unterstreicht Dyfrig John.

„Ich sehe bisher keine gravierenden wirtschaftlichen Auswirkungen der Terroranschläge“, sagt Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch- Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul. „Noch vor zwei, drei Jahren hätten solche Ereignisse eine schwere Krise auslösen können, aber inzwischen ist die türkische Wirtschaft viel resistenter geworden“, konstatiert Landau.

Ein Ergebnis, wie er meint, der Strukturreformen, die nach der Finanzkrise vom Februar 2001 in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und gestützt auf dessen Beistandskredite umgesetzt wurden. Anzeichen dafür, dass nun ausländische Investoren der Türkei den Rücken kehren werden, sieht der Deutsche nicht.

Allenfalls kurzfristige Irritationen erwartet Tugrul Erkin, der Vorsitzende des Türkisch-Eurasischen Wirtschaftsrates. „Denkbar wären Probleme beim Kapitalzufluss und der Umsetzung des Privatisierungsprogramms, auch im Tourismus kann es Einbußen geben.“ Auf längere Sicht rechnet Erkin aber nicht mit negativen Folgen.

Der Istanbuler Aktienindex brach nach den Anschlägen vom Donnerstag um 7,4 % ein, bevor die Börse den Handel vorzeitig einstellte. Er wird nach den Seker Bayram-Festtagen am 1. Dezember wieder aufgenommen. Aber die relative Stabilität des Lira-Kurses und die nur geringen Einbußen türkischer Rentenpapiere seit den Anschlägen interpretieren viele Marktteilnehmern als positive Signale. Jeff Gable, Türkei-Experte bei Deutsche Bank Research, rechnet mit einer Stabilisierung der Märkte und relativ geringer Volatilität, zumal die Türkei als Reaktion auf die neue Bedrohungslage mit größerer Unterstützung des Auslandes, vor allem der USA rechnen könne. Auch an ihren Wachstumsprognosen halten die meisten Analysten fest: In diesem und im nächsten Jahr soll das türkische Bruttoinlandsprodukt um jeweils 5 % zulegen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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