Ankara verlangt Vorgehen der USA gegen Kurden
Türkei warnt vor Bürgerkrieg im Nordirak

Der türkische Außenminister Abdullah Gül hat die USA aufgefordert, gegen kurdische Rebellen im Norden des Irak vorzugehen. Das Grenzgebiet zur Türkei sei „zu einem sicheren Hafen für terroristische Aktivitäten gegen die Türkei“ geworden, sagte Gül bei einem Besuch in Peking. Er werde das Thema beim Besuch von US-Außenministerin Condoleezza Rice am Samstag in Ankara ansprechen.

ANKARA. Die Türkei besorgt die Aussicht auf einen autonomen Kurdenstaat im Nordirak. Bereits jetzt halten sich bis zu 5 000 Rebellen der kurdischen Guerillaorganisation PKK in den nordirakischen Bergen versteckt. Von dort stoßen sie immer häufiger in die Südosttürkei vor, um Anschläge zu verüben. Der Verlauf der irakischen Wahlen am vergangenen Sonntag weckte in Ankara nun weitere Befürchtungen. Die Kurden dürften in der künftigen Nationalversammlung nach den Schiiten die zweitgrößte ethnische Gruppe stellen. Parallel zu dem offiziellen Urnengang veranstalteten die Kurden überraschend eine improvisierte Volksabstimmung zu der Frage, ob die Kurdenregion ein Teil Iraks bleiben oder ein unabhängiger Staat werden solle. Über 90 Prozent sollen für die Unabhängigkeit votiert haben. Als Folge befürchtet man in Ankara einen Bürgerkrieg zwischen den irakischen Kurden und den anderen ethnischen Gruppen, wie den türkischstämmigen Turkmenen.

Die Gefahr beschwor zuletzt auch der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan herauf – und verband sie mit ungewöhnlich scharfer Kritik am Bündnispartner USA. Die Türkei werde es „nicht zulassen, dass die Region in ein Jahre dauerndes Chaos gestürzt wird“, sagte Erdogan. Jene Kräfte, „die vorgeben, die Demokratie in diese Region bringen zu wollen, ziehen es vor, diesen antidemokratischen Bestrebungen teilnahmslos zuzusehen“, sagte Erdogan vor Abgeordneten seiner Regierungsfraktion.

Seit dem ersten Golfkrieg haben die irakischen Kurden eine weit gehende Selbstverwaltung aufgebaut. Jetzt schicken sie sich an, auch die Kontrolle über die traditionell multiethnische Ölstadt Kirkuk zu übernehmen. Der irakische Kurdenführer Massud Barsani kündigte bereits an, „eines Tages“ würden die Kurden ihren eigenen Staat gründen.

Auch das türkische Militär verfolgt die Entwicklung mit wachsender Sorge. Vize-Generalstabschef Ilker Basbug erklärte jetzt, wenn die Kurden versuchen sollten, die demografischen Verhältnisse in Kirkuk einseitig zu ihren Gunsten und zu Lasten der Turkmenen zu verändern, sei dies „ein ernstes Sicherheitsproblem für die Türkei“. Es käme für der Türkei nicht in Frage, dabei untätig zuzusehen.

Zwar versuchte US-Verteidigungs-Staatssekretär Douglas Feith bei einem Besuch in Ankara am Dienstag, die Sorgen zu zerstreuen: die territoriale Integrität Iraks habe „höchste Priorität“. Ähnliche Zusicherungen dürfte Außenministerin Rice am Samstag abgeben. Die Beziehungen zwischen Ankara und Washington sind ohnehin angespannt, seit das türkische Parlament im Frühjahr 2003 überraschend seine Zustimmung zum Einmarsch von US-Soldaten über die türkisch-irakische Grenze verweigerte. Auch die Stimmung in der Bevölkerung ist schlecht: über 70 Prozent der Türken betrachten die USA als militärische Bedrohung für ihr Land.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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