Anschläge und Kämpfe häufen sich
Afghanistan kommt vor der Wahl nicht zur Ruhe

Zwei Monate vor den Parlamentswahlen in Afghanistan am 18. September wächst die Zahl der gewaltsamen Auseinandersetzungen. Seit März sind durch Attentate Hunderte von Afghanen und über 30 US-Soldaten ums Leben gekommen. Allein Anfang dieser Woche sind bei Kämpfen zwischen US-geführten Truppen und Aufständischen nach Behördenangaben bis zu 50 Taliban getötet worden.

BERLIN. Die Konflikte konzentrieren sich inzwischen nicht nur auf die östlichen Provinzen des Landes, sondern werden immer häufiger über die Grenze bis nach Pakistan hineingetragen. Die Taliban können sich in dieser Region relativ frei bewegen. Zwar wird ihre Zahl auf nicht mehr als rund 1 500 Mitglieder geschätzt, doch halten Experten dies für ein ausreichendes Störpotenzial. Zuletzt war es am Wochenende im pakistanischen Nord-Waziristan zu Kämpfen mit Regierungstruppen gekommen, bei denen 17 Extremisten ums Leben gekommen sein sollen. Von pakistanischem Boden aus werden verstärkt Militäraktionen in Afghanistan geplant und ausgeführt.

Geprägt ist die Lage in Afghanistan aber nicht nur von gewalttätigen Auseinandersetzungen. Auch politisch gestaltet sich die Situation kompliziert. Unübersichtlich ist das Feld von 65 Parteien und Gruppierungen, die nicht alle Interesse an einer erfolgreichen Durchführung der Wahl haben. „Unter den Parteien gibt es jene mit islamistischer Orientierung und auch ehemalige Kommunisten“, sagt Conrad Schetter von der Universität Bonn.

Zwar dürfen Parteien offiziell nicht zu den Wahlen antreten und auch nicht namentlich auf den Stimmzetteln vermerkt sein. Doch markieren Symbole hinter den Kandidatenprofilen, von welchen politischen Gruppierungen die Bewerber unterstützt werden.

Insgesamt stellen sich über 6000 Kandidaten zur Wahl, mehr als 2000 von ihnen sind Frauen. Sie bewerben sich um 249 Sitze im Parlament und um weitere 102 Sitze in den Provinzräten. Sollten die Wahlen erfolgreich verlaufen, wäre damit die Ziellinie des so genannten „Petersberg-Prozesses“ erreicht. Auf dem Petersberg bei Bonn war Ende 2001 der politische Fahrplan für den demokratischen Aufbau Afghanistans festgelegt worden. Nach den Präsidentschaftswahlen im Vorjahr bilden die Parlamentswahlen nun den vorläufigen Abschluss.

Noch größere Sorgen als die Wahlen bereitet den Wegbegleitern dieses Prozesses aber der Drogenanbau. Zwar gibt es erste Erfolge bei der Reduzierung der Opiumfelder. So ist etwa nach Auskunft des Uno-Drogenbüros in Wien (Unodc) in der östlichen Provinz Nangarhar der Anbau von Schlafmohn zurückgegangen. Doch müsse dies nicht notwendigerweise bedeuten, dass der Ertrag der afghanischen Mohnfelder deshalb insgesamt schlechter ausfällt. „Die Maßnahmen zur Vernichtung der Drogenfelder könnten oft nur symbolisch gewesen sein“, sagt Thomas Pietschmann, Researcher bei Unodc. Erst im Herbst könne deshalb beurteilt werden, ob tatsächlich Fortschritte erreicht wurden. Allein eine niedrigere Hektarzahl bei der Anbaufläche sei noch kein hinreichender Indikator. Aus dem Drogenbericht für 2004 geht hervor, dass Afghanistan im letzten Jahr mit 4200 Tonnen Opium den zweithöchsten Ertrag in seiner Geschichte produzierte. Allerdings wurden dafür 131 000 Hektar Fläche benötigt.

In südlichen Regionen, wie etwa in Kandahar, aber auch in nördlichen Provinzen ist der Schlafmohnanbau offenbar wieder gestiegen. Nach Meinung von Sicherheitsexperten hängt daher viel von der Entschlossenheit der örtlichen politischen Führer und Polizeikommandeure ab, ob die Bauern tatsächlich dem Schlafmohnanbau abschwören. In einer Volkswirtschaft, die sich zu 60 Prozent aus den Umsätzen des Drogengeschäftes speist, sei ein Rückzug aus diesem profitablen Geschäft jedoch nur mit Mühe zu vermitteln. Vor allem dann, wenn alternative Anbauformen sowie die Infrastruktur zu deren Vermarktung bislang noch weitgehend fehlen.

In Form von Heroin gelangen rund 40 Prozent des afghanischen Opiums (rund 170 Tonnen Heroin) über Istanbul, den Balkan, Osteuropa und Holland nach Mitteleuropa. Doch mehr als die Hälfte der Drogen wird inzwischen in Afghanistan, seinen Nachbarländern – vor allem Pakistan und Iran – und im süd- und zentralasiatischen Raum konsumiert. Nach Angaben von Pietschmann sind die Preise, die dort erzielt werden können, zwar niedriger. Doch dafür müssen die Drogenhändler weniger strikte Kontrollen befürchten.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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