Anschläge von Istanbul bringen die türkische Regierung in Bedrängnis
Die Oase des Friedens bebt

Als die Explosion gegen 9.30 Uhr die „Oase des Friedens“ – das bedeutet Neve Schalom – erschüttert, glauben viele zunächst an ein Erdbeben. Fast zeitgleich geht fünf Kilometer entfernt, im Stadtteil Sisli vor der Beth- Israel- Synagoge, die zweite Autobombe hoch.

ISTANBUL. An gewöhnlichen Sabbat-Tagen sind es selten mehr als zwei, drei Dutzend Gläubige, die zum Gebet in die Neve Schalom-Synagoge im Istanbuler Altstadtviertel Beyoglu kommen. An diesem Samstag aber drängen sich mehr als 200 Menschen in dem Gotteshaus, denn man feiert eine Bar-Mizwa-Zeremonie, die Einführung eines 13-jährigen Jungen in die Gemeinde. Als die Explosion gegen 9.30 Uhr die „Oase des Friedens“ – das bedeutet Neve Schalom – erschüttert, glauben viele zunächst an ein Erdbeben. Fast zeitgleich geht fünf Kilometer entfernt, im Stadtteil Sisli vor der Beth- Israel- Synagoge, die zweite Autobombe hoch. Später rekonstruiert die Polizei: Rund 500 Kilogramm Sprengstoff müssen die Attentäter in den beiden Lieferwagen jeweils deponiert haben.

Die Explosionen, die ganze Straßenzüge in Trümmerfelder verwandelten, haben die etwa 20 000 Menschen zählende jüdische Gemeinde Istanbuls aus einer trügerischen Sicherheit gerissen. Bislang lief das Zusammenleben zwischen Muslimen und Juden in der Türkei weitgehend reibungslos – ganz in der Tradition des Osmanischen Reiches, das schon im 15. Jahrhundert mehr als 100 000 spanische Juden aufnahm, die vor der Inquisition aus ihrer Heimat fliehen mussten. Im kosmopolitischen Konstantinopel waren sie eine geachtete, einflussreiche Elite. Während der Nazi-Diktatur kamen erneut tausende verfolgte Juden in die Türkei. „Wir leben in einem der wenigen glücklichen Länder, das eine sehr geringe Antisemitismus- Quote hat“, sagte noch wenige Tage vor den Anschlägen die Chefredakteurin der in Istanbul erscheinenden jüdischen Wochenzeitung „Schalom“, Tilda Levi. Viele Juden glaubten sich hier sicherer als im ständig von Anschlägen heimgesuchten Israel. Nun hat der Terror auch sie erreicht.

Schon kurz nach den Attentaten bekannte sich eine radikalislamistische türkische Terrorgruppe telefonisch zu den Massakern, die „Front der Vorkämpfer für den Großen Islamischen Orient“ (IBDA-C). Die Regierung versucht, den Bekenneranruf als unglaubwürdig hinzustellen. Seit der Verhaftung ihrer Führungskader vor sechs Jahren sei die Organisation zu solchen Attentaten nicht mehr fähig. Die Regierung sieht ausländische Drahtzieher hinter den Anschlägen – womöglich El Kaida. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan könnte in Erklärungsnotstand kommen, sollte sich der Verdacht gegen die IBDA-C erhärten.

Denn die Gruppe entstand Mitte der 80er Jahre als Ableger der islamistischen Heilspartei des religiösen Eiferers Necmettin Erbakan. Und der war auch Erdogans politischer Ziehvater. Noch in den 90er Jahren versprach er als Istanbuler Bürgermeister seinen Anhängern: „Wenn Allah will, beginnt der große Aufstand!“ Inzwischen hat sich Erdogan vom politischen Islam losgesagt und gibt sich als westlich orientierter Reformer.

Aber sollten die Anschläge tatsächlich auf das Konto türkischer Terroristen gehen, müsste das eine neue Debatte darüber auslösen, wie groß die Bedrohung durch den politischen Islam für die Türkei ist. Erdogan geriete in die Defensive gegenüber den mächtigen Militärs, die ihm wegen seiner Vergangenheit als religiöser Heißsporn ohnehin misstrauen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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