Anschläge von Paris
„Wie im Libanon“

Frankreich ist Opfer einer der schlimmsten Anschläge der letzten Jahre geworden. Die Vorgehensweise erinnert an Anschläge aus dem Libanon oder aus Bürgerkriegsgebieten.

ParisStunden nach Beginn der Anschläge in Paris wird den Franzosen bewusst, dass sie Opfer einer unfassbar brutalen und wohl organisierten Terroraktion geworden sind. Sieben Attacken gleichzeitig verübten die Gewalttäter, deren Identität noch unbekannt ist und von denen mehrere offenbar noch flüchtig sind. Gegen zwei Uhr morgens war die Zahl der getöteten Franzosen noch nicht klar, sie schwankt zwischen 110 und 140. Die Staatsanwaltschaft sprach gegen zwei Uhr morgens von mindestens 120 Toten. Allein im Konzertsaal Bataclan nahe der Place de la République sollen 70 Menschen erschossen worden sein. Einige der mehreren hundert Jugendlichen, die für das Konzert der US-Gruppe „Eagles of Death Metal“ gekommen waren, berichteten völlig fassungslos, dass sie erst nach Minuten begriffen, dass sie sich mitten in einem Terrorangriff befanden. Die Angreifer hätten mit Pump Guns mitten in die Menge geschossen.

Dort haben die Spezialkräfte der Polizei drei Attentäter erschossen, zwei Selbstmordattentäter starben bei dem Anschlag mit drei Explosionen in der Nähe des Sade de France, wo gerade das Länderspiel Deutschland-Frankreich lief, in Anwesenheit von Staatspräsident François Hollande. Dort begann offenbar die Serie der Anschläge. Hollande wurde von den Sicherheitskräften aus dem Stadion geleitet und begab sich erst in das Innenministerium, dann in den Elysée-Palast. Im Amtssitz des Präsidenten beschloss ein in aller Eile einberufener Ministerrat den Ausnahmezustand, der zunächst für 12 Tage gilt, falls das Parlament ihn nicht verlängert. Straßen und ganze Viertel können abgesperrt werden, Verdächtige unter Hausarrest gestellt und ohne richterliche Genehmigung Haussuchungen vorgenommen werden. Wie unter diesen Umständen die Klimakonferenz COP 21 mit mehr als 180 Staats-und Regierungschefs und mehreren Zehntausend Teilnehmern stattfinden soll, die laut Plan am 30. November beginnt, ist völlig unklar. Hollande fuhr anschließend in den Bataclan-Club, um den Sicherheitskräften seine Unterstützung auszudrücken. „Ich bin schockiert von dem, was diese Barbaren angerichtet haben“, sagte Hollande anschließend. Die Republik werde „in ihrer Reaktion rücksichtslos“ sein, kündigte ein sichtlich mitgenommener Präsident an, als er in Begleitung von Premier Manuel Valls und Innenminister Bernard Cazeneuve aus dem Konzertsaal kam.

Die Klimakonferenz ist im Moment die geringste Sorge der Pariser. Sie sind wie benommen angesichts des Blutbades, dass an diesem Freitagabend nur zehn Monate nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt angerichtet wurde von Gewalttätern, die angeblich „Das ist für Syrien“ geschrien haben. Ein Anrufer soll die Serie von Mordtaten mit dem französischen Militäreinsatz gegen den „Islamischen Staat“ im Irak und Syrien begründet haben. Das meisten Augenzeugen berichten, dass die Terroristen einfach mit Autos ankamen, ausstiegen und sofort wortlos das Feuer eröffneten. Einer sei mit einer Kalaschnikow durch eine beliebte Ausgehstraße gegangen und habe ohne jede Eile auf die Gäste in verschiedenen Lokalen geschossen.

Der Umfang der Anschläge machte es der Polizei auch Stunden nach dem Beginn unmöglich, mit Sicherheit zu sagen, wie viele Täter beteiligt waren und noch am Leben sind. In der ganzen Stadt wimmelte es von Parisern, die nach Hause flohen, von Polizei- und Rettungswagen – keine guten Bedingungen, um kriminalistische Feinarbeit zu leisten. Die Polizei forderte alle Bürger auf, sich nicht aus der Wohnung zu begeben. Autofahrer sollten so viele Menschen wie möglich mitnehmen, Taxis fuhren gratis. Alle Krankenhäuser wurden für die Versorgung der Verwundeten beschlagnahmt.

Am Wochenende wird die französische Hauptstadt sehr, sehr still sein. Nicht nur wegen der Trauer um die Opfer, sondern auch wegen des Ausnahmezustandes. Alle Schulen und Universitäten, Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen bleiben geschlossen, zahlreiche Kulturveranstaltungen wurden abgesagt.

Das Bataclan wurde bereits im Jahr 2007 Ziel eines Terroranschlages. Damals begründeten die Täter ihren Angriff damit, dass es in dem beliebten Veranstaltungszentrum einen „Solidaritätsakt für israelische Sicherheitskräfte“ gegeben habe. Terrorexperten sagen, man habe diese Art von Anschlägen in Europa noch nicht erlebt. Es handele sich um eine Vorgehensweise, die man bisher nur aus den Bürgerkriegsgebieten oder aus dem Libanon kenne.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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