Anschlag auf „Charlie Hebdo“: Das Volk steht einfach auf

Anschlag auf „Charlie Hebdo“
Das Volk steht einfach auf

Keine Schockstarre: Die Menschen in Frankreich gehen gegen den monströsen Anschlag von Paris für das friedliche Miteinander auf die Straße. Ein Land im Alarmzustand trotzt dem Terror. Und bewahrt sich so die Freiheit.
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ParisWas für ein Land! Nicht einmal acht Stunden nach dem Mordanschlag auf die Redakteure der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ gehen die Franzosen auf die Straße, zu Zehntausenden. Niemand muss sie rufen, nichts ist von langer Hand organisiert. Das Volk steht einfach auf.

Auf der langen Zugfahrt von Südfrankreich nach Paris war es noch anders. Nur wenige Mitreisende diskutieren über die Anschläge. Viele bleiben unbewegt. Noch ist nicht bis in alle Konsequenzen klar, wie monströs ist, was am Morgen in Paris geschehen ist. Dabei berichten alle Medien laufend über die neuesten Entwicklungen, stellen Fotos und Videos online. Es genügt, die dicht beieinander liegenden Einschusslöcher im Polizeiwagen zu sehen, um zu wissen: Da waren Leute am Werk, die eine gründliche militärische Ausbildung haben und mit kalter Präzision einen Auftrag ausgeführt haben, das waren keine Hitzköpfe, denen die Nerven durchgebrannt sind. Alle Politiker reagieren, und die Jagd auf die perfekt französisch sprechenden Täter geht weiter. Am Abend berichtet Le Monde, die Täter seien identifiziert. Aber gefasst sind sie nicht.

Ich habe meinen Urlaub abgebrochen, an Ferien ist jetzt nicht mehr zu denken, aber wie wird es in Paris sein? Ausnahmezustand, Polizei und Militär überall, nachdem die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen worden ist? Auf der Fahrt fühle ich mich wie im Raumschiff. Gut informiert, aber alles virtuell.

Die erste Überraschung bei der Ankunft in der Gare de Lyon: Kein Polizist, kein Soldat ist zu sehen. Dabei patrouillieren seit Jahren Fallschirmjäger von der Aktion „Vigipirate“ täglich mit Maschinenpistolen im Arm an Bahnhöfen und auf großen Straßen wie den Champs-Elysées. Nicht einmal diese meist angeregt miteinander schwatzenden Dreiergrüppchen  kann ich ausmachen. Auf dem Weg zum Regionalzug RER sehe ich eine Gruppe von Métro-Angestellten in gelben Westen. Sind sie speziell abgeordnet worden? Erstaunt antwortet einer von ihnen: „Nein, Monsieur, wir gehören nicht zu den Sicherheitskräften, wir sind nur Kontrolleure.“ Ich erlebe keine Stadt im Schockzustand, sondern die Metropole im Business as Usual.

Doch der Eindruck täuscht. Alle Redaktionen, TV-Stationen und Radios haben sich verbarrikadiert. Vor dem Nachrichtensender BFM TV, auf den ein verwirrter Krimineller im vergangenen Jahr einen Anschlag mit einer Schusswaffe verübt hat, stehen Gendarmen mit schusssicheren Westen und Gewehren im Arm. Die Angst, das Attentat auf Charlie Hebdo sei vielleicht kein Einzelfall gewesen, ist groß.

Andernorts kommt die Mobilisierung nur langsam in Gang. Ich fahre zur Place de la République, auf der um 18 Uhr eine spontane Kundgebung stattfinden soll. Im RER-Bahnhof Aubert stehen zehn Polizisten und Gendarmen etwas ratlos auf einem Haufen. „Tut mir leid, Monsieur, wir dürfen nicht mit Ihnen sprechen“, sagen zwei, die ich anspreche. Sie sollen das Gefühl von Sicherheit ausstrahlen, wirken aber noch überfordert.

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