Anschlag auf Universität: Pakistans ungelöstes Terrorproblem

Anschlag auf Universität
Pakistans ungelöstes Terrorproblem

Der tödliche Angriff auf eine Universität weckt Zweifel an der Anti-Terror-Strategie des pakistanischen Ministerpräsidenten Nawaz Sharif. Die schlechte Sicherheitslage hat auch massive Auswirkungen auf die Wirtschaft.

Ein dichter Nebel liegt in den Morgenstunden über Charsadda, als mehrere bewaffnete Kämpfer in die Universität der pakistanischen Stadt eindringen. Wegen einer Literaturveranstaltung mit mehreren Hundert Gästen ist es an diesem Tag voll auf dem Campus. Die Angreifer eröffnen wahllos das Feuer auf Studenten, Professoren, Wächter. Mindestens 19 Menschen sterben. Erst nach Stunden bringt das Militär die Lage unter Kontrolle.

Ministerpräsident Nawaz Sharif meldet sich aus der fernen Schweiz zu Wort, wo er sich anlässlich des Davoser Weltwirtschaftsforums gerade aufhält, und verurteilt den Anschlag: „Wir sind entschlossen, die Bedrohung durch den Terrorismus in unserem Heimatland auszulöschen.“

Doch dass es der Gruppe um einen pakistanischen Talibankommandeur, der sich zu dem Anschlag bekannte, offenbar erneut gelungen ist, in einer Bildungseinrichtung ein Blutbad anzurichten, weckt Zweifel an der Strategie der Regierung. Nach dem Massaker in einer Schule in der Millionenmetropole Peshawar mit mehr als 150 Toten vor einem Jahr hatte Sharif bereits einmal angekündigt, mit harter Hand gegen die Terroristen vorzugehen. Er legte einen nationalen Aktionsplan gegen den Terror vor, der es in sich hatte: die Wiedereinführung der Todesstrafe, Militärtribunale für Terrorverdächtige, Kontrolle der Medien, um die Verbreitung von extremistischem Gedankengut zu unterbinden. Die Bilanz nach zwölf Monaten: 2.200 Menschen, die die Regierung als Terroristen bezeichnet, wurden getötet, mehr als 1.700 festgenommen.

In der Bevölkerung ist das harte Vorgehen seit dem Peshawar-Anschlag weitgehend unumstritten. Die Taliban verloren Sympathien, auch weil in Peshawar mehr als 130 Kinder getötet wurden. Die politische Führung, die aus Angst vor einer Eskalation ein gewaltsames Zurückdrängen der Extremisten lange Zeit ablehnte, stand nach der Attacke – der bis heute tödlichsten in Pakistans jüngerer Geschichte – ebenfalls geschlossen hinter der Offensive. Die Zahl der Terroropfer ging nach dem Start des Aktionsplans zwar zurück. Das Ziel, die islamistischen Kämpfer handlungsunfähig zu machen, wurde bislang allerdings verfehlt.

Beobachter werfen der Regierung und Armee vor, mit ihren Maßnahmen nur an der Oberfläche zu kratzen. „Es wird kein Versuch unternommen, die eigentlichen Ursachen für den Terror zu bekämpfen“, kommentiert die pakistanische Journalistin Nazia Parveen. „Militäreinsätze sind schön und gut, aber es notwendig, Probleme wie Armut, die Entwicklungspolitik und eine Justizreform anzugehen.“ Zu einer ähnlichen Einschätzung kam die pakistanische Tageszeitung Dawn: „Pakistans Krieg gegen den gewalttätigen Extremismus wird nicht am Schlachtfeld, sondern in den Klassenzimmern, Moscheen und Polizeistationen gewonnen.“

Auch aus Sicht der Konfliktforschungsorganisation International Crisis Group ist die Bilanz von Pakistans neuer Antiterrorstrategie verheerend. „Sich auf tödliche Gewalt zu verlassen, riskiert mehr Schaden anzurichten, als Gutes zu tun“, heißt es in einer Analyse. Die Verfassung und Rechtsstaatlichkeit zu unterminieren, treibe die Propagandamühlen der Dschihadisten nur noch weiter an. „Eine reformierte und gestärkte Strafjustiz ist ausschlaggebend dafür, um terroristischen Bedrohungen entgegnen zu können.“ Seit Jahren prangert die Organisation die Ineffizienz der pakistanischen Polizeibehörden an, die wegen erheblicher Ausrüstungsmängel und massiver Korruption beinahe handlungsunfähig seien.

Unter den Folgen von Pakistans ungelöstem Terrorproblem leidet das ganze Land. Laut einer im Oktober vorgestellten Studie der Ratingagentur Moody's hat der Terrorismus einen signifikanten Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung in dem 188 Millionen Einwohner großen Staat. Allein zwischen 2008 und 2013 sei das Wirtschaftswachstum aufgrund der extremistischen Gewalt um fünf Prozent niedriger ausgefallen. Die Investitionen wären ohne den Terror nach Moody's-Berechnungen um neun Prozent höher. Die Wirtschaft habe durch die Gewalt Milliarden an Dollar verloren, stellte Analystin Merxe Tudela fest.

Doch wenige Stunden nach der tödlichen Attacke in Charsadda erscheint es als höchst unwahrscheinlich, dass sich Pakistans Sicherheitslage bald grundlegend bessert. Regierungschef Sharif verspricht seinem Volk jedoch: „Die zahllosen Opfer unserer Landsleute werden nicht vergeblich sein.“

Mathias  Peer
Mathias  Peer
Wirtschaftspresse Bangkok / Auslandskorrespondent
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