Anschlag in Nizza
Terror im Herzen der Côte d'Azur

Der Terror ist auch im französischen Urlaubsparadies angekommen. Touristen wie Einheimische in Nizza sind zutiefst geschockt und versuchen, das Unbegreifliche zu verarbeiten. Eindrücke aus einer verängstigten Stadt.

Nizza„Der Wind kommt leicht aus Südwest“, sagt der Kapitän auf dem Flug von Düsseldorf kurz vor der Landung. „Ansonsten ist das Wetter schön, in Nizza erwartet Sie der Sommer.“ Aus dem Fenster in ein paar hundert Metern Höhe sieht die Bucht malerisch aus. Der Himmel ist wolkenfrei, große Yachten schieben sich durch die Wellen. Am Boden aber ist Nizza im Ausnahmezustand.

Die Stadt gleicht einem Hochsicherheitstrakt an diesem Freitag. Auch am frühen Abend ist die Promenade des Anglais noch immer kilometerweit abgeriegelt. Die Kreuzungen sind mit Metallgittern abgesperrt, unter den Palmen stehen Polizeiautos, Beamte mit Gewehren im Anschlag lassen nur Helfer und Anwohner passieren.

Plastikflaschen liegen überall herum, zersplittertes Glas, benutzte Gummihandschuhe, ein blaues Leihfahrrad liegt auf dem Boden. Eine goldschimmernde Kühldecke wirbelt durch die Luft, an einem Stück Kantstein klebt noch Blut. Der Lkw, mit dem ein 31-Jähriger am Donnerstagabend hier in die feiernde Menge fuhr und mindestens 84 Menschen tötete, ist nur aus weiter Ferne zu erkennen. Die Polizei hat ihm komplett mit Gittern umstellt, weiße Plastikplanen versperren den Blick.

Nur einige hundert Meter entfernt haben die Fernsehsender ihre Übertragungswagen vorgefahren. Es sind mehr als 50, Journalisten aus ganz Europa sind schon da, aber auch aus den USA, Russland, Dubai. Auf einem Grünstreifen, direkt am Absperrband, legen die Menschen Blumen ab: Rosen und Orchideen mit kleinen Frankreichfähnchen, dazu Stofftiere. Viele von ihnen beten, zünden Kerzen an, liegen sich in den Armen. Einige brechen in Tränen aus. Ein Mann im Frankreichtrikot und mit großer Tricolore steht schweigend auf dem Platz.

Etwas abseits der Menge steht eine Familie aus Kanada. Die Whitings sind hier, um irgendwie zu begreifen, was ihnen am Abend zuvor passiert ist. „Wir haben in einem Café an der Promenade zu Abend gegessen“, sagt Geoff, der Vater. „Wir haben gerade auf die Rechnung gewartet. Da kam plötzlich dieser Lastwagen an uns vorbeigerast.“ Sie hörten Schreie und Schüsse, sofort sind sie in ihr Apartment über dem Café geflüchtet. „Wir haben von oben runtergeschaut und überall Körperteile gesehen“, sagt Mutter Tanya.

Sie sind immer noch geschockt, auch die beiden Kinder. „Ich bin einfach nur tieftraurig“, sagt Maddy, 19 Jahre alt, und kämpft mit den Tränen. „Ich fühle mich nicht mehr sicher“, sagt ihr 16-jähriger Bruder Ben. Ihre Eltern waren schon vor 25 Jahren in Nizza, wollten ihren Kindern die Stadt zeigen. Frankreich, das war für sie immer ein Sehnsuchtsort. Bis zu diesem Abend. „Nun fühlt es sich an, wie vom Blitz getroffen worden zu sein“, sagt Geoff.

Terror, er wirkt so abstrakt, so weit weg. Bis er genau neben einem zuschlägt. Zahlen und Statistiken, sie gelten für die Menschen in Nizza nicht mehr. Die Unsicherheit ist groß, die Angst, die Hilflosigkeit. Dieses Gefühl, dass es jeden zu jeder Zeit treffen kann. Auch Christian Schulze und Diana Tuppack aus Berlin versuchen zu verarbeiten, was hier passiert ist. Die beiden stehen vor dem Blumenmeer auf der Promenade. Eigentlich sind sie hier im Urlaub, seit Sonntag erkunden sie die Gegend um Nizza, waren in St. Tropez, in Monaco. Am Nationalfeiertag fanden sie sich mitten im Terror wieder.

Wie Tausende andere Einheimische und Touristen schauten sie sich das Feuerwerk direkt von der Promenade aus an. „Wir haben gerade vor einer DJ-Bühne getanzt, als wir die Schüsse hörten“, erzählt Schulze. Erst dachten sie, das gehöre noch zum Feuerwerk dazu. Doch dann sahen sie all die Leute schreien und panisch auf sie zu rennen. „Wir sind dann einfach mitgerannt, weg von den Schüssen“, sagt Schulze. Niemand konnte ihnen sagen, was los war. Selbst die Polizisten waren aufgeregt. „Es war wie in einer Büffelherde“, erinnert sich Tuppack. „Ich wurde fast überrannt.“

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„Wir müssen weiterleben“

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