Anschlag
Terror schweißt Nordiren zusammen

Nach dem ersten Terroranschlag auf britische Soldaten in Nordirland seit zwölf Jahren haben Politiker aller Parteien die Unumkehrbarkeit des Friedensprozesses bekräftigt. „Der Frieden ist unerschütterlich“, sagte Großbritanniens Premier Gordon Brown. Der Anschlag trifft Nordirland zu einer denkbar ungünstigen Zeit.

LONDON. Er war nach der Ermordung zweier Soldaten durch die Splittergruppe „Real IRA“ am Wochenende nach Nordirland geflogen. Der ehemalige IRA-Kommandeur Martin McGuiness – inzwischen stellvertretender Regierungschef in Nordirland – sagte: Niemand werde die „zerbrechliche Pflanze des Friedensprozesses zerstören.“ Er selbst werde wie geplant diese Woche zu Wirtschaftsgesprächen in die USA fliegen. Regierungschef Peter Robinson hat eine Reise mit Investoren abgesagt.

Die ermordeten Soldaten gehörten zu einer Pioniereinheit, die sich in Antrim auf den Einsatz in Afghanistan vorbereitete. Die britische Armee beendete ihre Kampagne gegen den IRA-Terrorismus im Juli 2007 offiziell, baute Wachtürme ab und hat nur noch wenige Truppen im Rahmen normaler Dienstaufgaben in Nordirland stationiert. Die ermordeten Soldaten sollten am Samstagabend nach Afghanistan ausfliegen, hatten bereits ihre Wüstenuniform an und wollten vor der Kaserne eine Pizzalieferung in Empfang nehmen. „Wir werden weiter als Teil der Gemeinschaft in Nordirland leben“, betonte der Kommandeur der Einheit.

Der Anschlag kam nicht ganz überraschend. Nordirlands Polizeichef Sir Hugh Orde hatte die Sicherheitslage im Land vergangene Woche als so kritisch wie seit Jahren nicht bezeichnet. Zuvor hatte die Polizei ein Dutzend Anschläge vereitelt und auch eine 130-Kilo-Bombe nahe eines Armeestützpunkts entschärft.

Splittergruppen wie die „Real IRA“ und die „Continuity IRA“ hatten sich 1997 vor Abschluss des Friedensvertrages von der IRA abgespalten, um weiter für ein vereintes Irland zu kämpfen. Diese Kernfrage, ob Nordirland zum Vereinigten Königreich oder zu Irland gehören soll, wurde im Friedensvertrag durch Verweis auf das Selbstbestimmungsrecht der Nordiren aufgeschoben.

Mit dem Anschlag wollten die Terroristen wohl den Zusammenhalt in der Regierungskoalition untergraben, sie dürften aber im Gegenteil ein Zusammenrücken von Politikern und Bevölkerung erreichen. „Dieser Angriff ist kein Scheitern des politischen Prozesses. Er wurde verübt, weil der politische Prozess so erfolgreich ist“, sagte Brown.

Der Anschlag trifft Nordirland zu einem Zeitpunkt, an dem die nordirische Koalition mit der Wirtschaftskrise alle Hände voll zu tun hat: Nach einem Bericht der Unternehmensberatung Price Waterhouse Coopers (PwC) dürfte Nordirlands Wirtschaft in diesem Jahr um ein Prozent schrumpfen. Damit kommt das Land aber noch vergleichsweise glimpflich davon. Grund dürfte sein, dass Nordirland in den vergangenen Jahren eine „Friedensdividende“ einfahren konnte und die Wirtschaft deshalb gut gepolstert ist. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 5,1 Prozent unter dem britischen Durchschnitt von 6,3 Prozent und dem irischen Niveau von acht Prozent.

John Compton von PcW nennt drei Gründe für den Optimismus: Ein Drittel der Beschäftigten sind krisenfest im öffentlichen Dienst beschäftigt, nordirische Beschäftigte kommen auf nur 88 Prozent des britischen Lohnniveaus, und das schwache Pfund hat Nordirland noch attraktiver für amerikanische und europäische Investoren gemacht. Einzelhändler profitieren von den Millionen Euro, die irische Euroverdiener im billigeren nordirischen Pfundbereich ausgeben. Gleiches gilt für Firmen. Phillips Healthcare etwa kündigte gestern die Verdopplung des Personals in ihrer nordirischen Forschungseinrichtung an. Etwa die Hälfte der nordirischen Auslandsinvestitionen, rund 1,1 Mrd. Pfund, kamen seit dem Friedensschluss aus den USA.

Die Regierung in Dublin versicherte den Nordiren, Irland werde trotz der eigenen Haushaltskrise an geplanten Investitionen in Verkehrsverbindungen und Infrastruktur von 800 Mio. Euro festhalten. Aber die Nordiren sind nicht überzeugt, dass diese Versprechungen angesichts der irischen Haushaltskrise eingehalten werden. Auch London beginnt, die Steuerzuschüsse in Richtung Nordirland zu drosseln. „So tragisch es ist, der Anschlag wird die Argumente stärken, dass Nordirland weiter substanzielle Unterstützung von der öffentliche Hand braucht“, kommentierte Compton.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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