Anschlagserie in Kaschmir
Vajpayee in der Höhle des Löwen

„Willkommen im fröhlichen Tal“ stand auf den Bannern, mit denen Indiens Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee am Mittwoch im Kaschmirtal begrüßt wurde. Nur Stunden später muteten diese Worte wie Hohn an.

HB/dpa SRINAGAR. Die muslimischen Rebellen in Srinagar ließen sich auch von Tausenden Soldaten nicht abschrecken. Obwohl Srinagar nach den verheerenden Bombenanschlägen in Bombay zwei Tage zuvor zur Festung ausgebaut worden war, kam es am Abend in der Sommerhauptstadt des indischen Teils Kaschmirs zu einer ganzen Serie von Anschlägen, bei denen mindestens ein Grenzschutzpolizist getötet wurde.

Vier Mal schlugen Rebellen in der schwer bewachten Innenstadt zu. Dass es ihnen sogar gelang, die Telekommunikationszentrale der Stadt anzugreifen, werteten Beobachter vor Ort als schallende Ohrfeige für die Sicherheitskräfte. Nach der Anschlagserie könnte das Anliegen der Konferenz, für die Vajpayee nach Srinagar reiste, bereits vor deren Ende an diesem Donnerstagmittag gescheitert sein.

Die Programmpunkte der Tagung, eine Art Bund-Länder-Treffen, sind wenig spektakulär, und um Inhalte geht es auch nur in zweiter Linie. Erstmals tagt die Runde nicht in der sicheren indischen Hauptstadt Neu Delhi, sondern in der Unruheregion. Was zählt, ist die Botschaft, die davon eigentlich ausgehen sollte - in Kaschmir kann man wieder Tagungen abhalten, investieren und Urlaub machen, kurz: Kaschmir ist wieder sicher. Dass das zumindest während der Konferenz für Srinagar Wirklichkeit wird, dafür sollte ein massives Sicherheitsaufgebot sorgen.

Vajpayee, viele Kabinettsmitglieder und fast alle Regierungschefs der indischen Bundesstaaten hatten sich trotz der Anschläge von Bombay in die Höhle des Löwen gewagt. Die indische Regierung verdächtigt die muslimische Gruppe Lashkar-e-Toiba, hinter den Bomben in der Finanzmetropole zu stecken - deren Hauptziel ist der Anschluss ganz Kaschmirs an Pakistan. Sollte sie tatsächlich für die Bluttat verantwortlich zeichnen, könnte das ein Signal gewesen sein: Dass der Kampf um Kaschmir mit aller Härte weitergeht.

Dass das Leiden in der geschundenen Region wohl noch nicht so bald zu Ende ist, darauf deuten auch die neuen Angriffe in Srinagar hin. Welche der vielen militanten Gruppen in Kaschmir hinter den Anschlägen steckte, war zunächst unklar. Die Attentäter zeigten aber, dass die geballte Schlagkraft der Armee der Nadelstich-Taktik der Milizen wenig entgegensetzen kann.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm. An fast jeder Ecke der Stadt wurden Panzerfahrzeuge mit aufgepflanzten Maschinengewehren postiert. 3000 Sicherheitskräfte riegelten das Konferenzzentrum am Ufer des Dal-Sees am Rande der Stadt ab. Auf den Kanälen und Wasserarmen des idyllischen Sees patrouillierten Soldaten in den für die Region typischen Touristen-Gondeln. An den Straßen in der Stadt standen im Abstand von wenigen Metern Soldaten mit schusssicheren Westen und Maschinenpistolen.

Bereits am Tag vor der Konferenz töteten muslimische Extremisten einen Soldaten - nicht wie am Mittwoch im Schutze der Dunkelheit, sondern am helllichten Tage mitten in einem Ladenviertel. Obwohl andere Sicherheitskräfte nur wenige Meter entfernt waren, entkamen die Täter unerkannt in der Menge. Am Mittwoch schlossen nach einem Streikaufruf muslimischer Separatisten alle Läden in Srinagar, Demonstranten protestierten bis zu ihrer Festnahme gegen den Besuch Vajpayees, Jungendliche bewarfen Soldaten und Polizisten mit Steinen. Von dem „fröhlichen Tal“ jedenfalls, das die optimistischen Begrüßungsbanner versprachen, war in Srinagar nichts zu sehen.

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