Anti-Terror-Kampf – ein Kommentar

Das falsche Feindbild

Nach dem Paris-Terror gibt es eine falsche Schlussfolgerung: Der Staat tut zu wenig für die Sicherheit vor dem äußeren Feind. Nun bombt er gegen den IS. Richtiger wäre: Der Staat tut das Falsche gegen den inneren Feind.
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Der Belgier Abdelhamid Abaaoud soll die Anschläge in Paris geplant haben. Bei einer Razzia in Saint-Denis nach den Attentaten kam er ums Leben. Quelle: ap
Abdelhamid Abaaoud ist tot

Der Belgier Abdelhamid Abaaoud soll die Anschläge in Paris geplant haben. Bei einer Razzia in Saint-Denis nach den Attentaten kam er ums Leben.

(Foto: ap)

Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sich Europas Politiker ein wahrhaftiges Bild über die realistischen und tatsächlichen Hintergründe des stetig zunehmenden Terrors auf unserem Kontinent machen können. Bislang behelfen sie sich zumeist mit einer Hilfskonstruktion. In den Vordergrund ihrer Erklärungsmuster schieben sie das Adjektiv „islamistisch“.

Oberflächlich betrachtet ist dies angebracht. Immerhin sind sämtliche bekannten Terroristen Muslime, also Gläubige des Islam. Und immerhin schreien sie bei jeder Horror-Gelegenheit „Allahu akbar!“ (Gott ist am Größten!), so als fühlten sie sich als die privilegierten Schergen eines Allah, der sie dazu auserkoren hat, mit Mordtaten, Gräuel und blindem Horror die Andersgläubigen, also Ungläubigen in Angst und Schrecken zu versetzen.

Doch auch in diesem Bereich sind nicht nur viele Wissenschaftler, sondern auch viele Geheimdienstler längst wesentlich aufgeklärter als die Politik, die in Sachen Terrorismus meist argumentativ von der Hand in den Mund lebt. Das hat seine Gründe: Zumeist dauert es viel zu lange, bis Politiker neue Erkenntnisse aufgreifen.

Viele Parallelen zwischen den islamistischen Gewalttaten in Frankreich, Großbritannien, Belgien und früher auch schon Dänemark hätten sie längst aufrütteln müssen. Sowohl bei den Attentaten in Paris – gegen das Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Januar dieses Jahres und jetzt seit Paris und Brüssel im Prinzip gegen alle – doch auch schon in Kopenhagen, Madrid, London und Brüssel wurde offenbar, dass die meisten, wenn nicht gar sämtliche Täter den Sicherheitsbehörden lange vor den Attentaten bekannt waren. Denn sie lebten schon seit Jahren dort.

In Frankreich und Großbritannien kommt ein entscheidender Wesenszug dieses Terrorismus krasser zutage als anderswo: Die meisten, wenn nicht gar alle Attentäter und Schläfer waren oder sind Staatsbürger nicht etwa Iraks, Saudi-Arabiens oder Syriens. Sie waren europäische Bürger, Staatsbürger Frankreichs oder Großbritanniens. Völlig ungeachtet dieser Tatsachen aber erfolgte die zunächst einmal verständliche, doch irrige öffentliche Schlussfolgerung: Der Staat tut zu wenig für die Sicherheit vor dem äußeren Feind! Richtiger wäre die Folgerung gewesen: Der Staat tut das Falsche gegen den inneren Feind.

Denn statt nur stets dem Pawlow'schen Reflex zu folgen, mehr „law and order“, mehr Telekommunikationsüberwachung, mehr Datenspeicherung, mehr Gesetze und mehr Polizei zu fordern, hätte ein Blick auf die Parallelen zwischen den Mordtaten weitergeholfen: Fast alle Attentäter wurden ideologisch erst über einen längeren Zeitraum zu muslimischen Gewalttätern (a)sozialisiert – zumeist erst, nachdem sie am unattraktiven Rand der Gesellschaft, in den Fremdenghettos europäischer Großstädte, also in den Brutstätten der Gewalt aufgewachsen waren: aus schäbigen Ghettos kommend, oft hoffnungslos, ziellos, meist jedenfalls arbeitslos, nicht selten ohne Familienbande. Ohne jegliche Perspektive, Desperados.

Die meisten wurden dann in einem trostlosen, erst sozial, dann psychisch und schließlich ideologisch gewalttätigen Umfeld radikalisiert, hinein gedrängt in politisch-religiöse Cliquen, die nur warten mussten, diese offenkundigen Losertypen für ihre radikalen Ziele einspannen zu können: Hassprediger, die Freunde und Helfer.

Verwehrt: Soziale Leben
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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Zitat:
    "Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sich Europas Politiker ein wahrhaftiges Bild über die realistischen und tatsächlichen Hintergründe des stetig zunehmenden Terrors auf dem Kontinent machen können"
    Diese Aussage ist eine Bankrotterklärung der Politik.
    Unfähig zu erkennen, daß die ständigen militärischen Einmischung und Destabilisierungen der Länder Afghanistan, Syrien, Kosovo, Mali, Lybien, Irak, Ägypten, Somalia….den Terror unweigerlich bedingen und auslösen. Da werden geopolitische Ziele der Wertegemeinschaft verfolgt … nach dem Motto. Und willst du nicht meiner Meinung sein…dann schlag ich dir den Schädel ein. Staatsoberhäupter von Länder die sich in stabilen Verhältnissen befinde werden verteufelt, deren Länder entweder direkt oder indirekt destabilisiert und diese Länder werden dann in eine Wüste verwandelt. Kollateralschäden dieser über Jahrzehnte verfolgten Politik sind 'Anschläge','Flüchtlingsströme',…..

    Unter diesem Gesichtspunkt kann man wohl behaupten, daß unsere Bundesregierung alles dafür tut damit diese Kollateralschäden weiter zunehmen. Ob über Waffenlieferungen (Saudis ,Pkk,..) über indirekte Finanzierung (Türkei), über Einmischungen (Ukraine, Syrien) und einseitige Beschuldigungen (Russland, Syrien) oder über Friedensmissionen (Afghanistan, Mali,…).
    Die Bundesregierung der A.Merkel fährt auf Sicht (Zitat.: unser Finanzminister) und das schon seit geraumer Zeit und scheint sehr nebelig zu sein.

  • Na ja, die SPD hat längerfristig nur dann eine realistische Chance aus ihrem 25%
    Ghetto herauszukommen, wenn immer mehr Immigranten schließlich deutsche Staatsbürger werden und SPD wählen. Da die meisten Immigranten Muslime sind, wird auch die SPD schließlich zur Lobbygruppe für dieses religiöse Ansammlung
    von Menschen.

    Hier konkurriert die SPD mit den Grünen, deren Vertreterin Göring-Eckardt sich "freut", dass mit der sunnitischen Einwanderung, Deutschland wieder "religiöser" wird. (also das Gegenteil von "aufgeklärt")

  • Ich würde 1 und 2 unterschreiben - 1 jedoch mit Vorbehalt.
    D hat hier den "Vorteil", dass es keine imperialistische Kolonialpolitik in islamischen Weltregionen betrieben hatte.
    Föderalismus ist dagegen kein Vorteil, siehe Belgien und Brüssel im Speziellen, wo es bereits innerhalb der Stadt Grenzen zwischen Wallonen und Flamen gibt.
    Da sich die Belgier schon untereinander nicht "grün" sind, erschwert das natürlich auch einen gemeinsamen Kampf gegen extremistische Gruppen.

  • Noch sind die Bürger nicht bürgerkriegsbereit. Die Regierung spannt den Bogen immer weiter, hat ihn aber für dt. Verhältnisse noch nicht überdehnt.

  • Wenn in Deutschland Politik für die deutschen Bürger gemacht würde, dann hätten wir schon längst ein modernes Einwanderungsgesetz und würden nur solche Personen ins Land lassen, die fachlich und persönlich geeignet und mit unserer westlichen Gesellschaft kompatibel wären. Europa hat genug arbeitslose Jugendlichen, wir brauchen nicht noch Importe!

    Wenn in Deutschland Politik für die deutschen Bürger gemacht würde, dann würde man Muslime aus Kriegsgebieten in Syrien, der Türkei oder im geschäftsmodellosen und wärmeren Griechenland versorgen, dann würde wenigstens die innere Sicherheit unseres Landes nicht dermaßen gefährdet, wie es unter Merkel befördert wird.

    Wer beides nicht will, der hat wohl ganz andere Absichten. Leider muß man das vor dem Hintergrund des Aletrnativlosen-Wir-schaffen-das-Ansatzes wohl unterstellen.

  • In welcher Welt lebt eigentlich diese Frau Hasselfeldt (CDU/CSU)?
    Wenn man der gerade im Bundestag zuhört, kann man nicht glauben, dass sie im gleichen Land wie ich lebt!
    Kommen die überhaupt mal raus aus ihrem Berliner Hochsicherheitstrakt, haben die in Berlin überhaupt noch einen Bezug zum Leben eines Normalmenschen, der täglich ums Überleben kämpfen muss?
    Für wen waren die letzten 10 Merkel-Regierungsjahre erfolgreich?
    Mir stinkt diese ständige Vereinnahmung von Politik- und Medienseite, wie
    „Du bist Deutschland, Die Deutschen, Unsere Währung, Unser Europa usw., die Deutschen werden immer reicher usw.“
    Bitte hört auf damit, weil ich sonst bald durchdrehe mitr diesem Dreck!


  • @HB Was ist das, bitte schön, wieder für ein Entschuldigungsgrund für die Mutation zum Terroristen. "... hoffnungslos, ziellos, meist jedenfalls arbeitslos, nicht selten ohne Familienbande. Ohne jegliche Perspektive, Desperados." In unserer Gesellschaft leben auch Christen, Buddisten, etc. unverschuldet in solchen Lebenslagen.
    Werden Sie deshalb auch alle zu Terroristen? Wann lernt die dt. Bevölkerung (vor allem die Medien) endlich, immer das Morden, Töten, andere dominieren zu wollen, die Verhaltensweise des Islam zu entschuldigen u. sich selbst als Verursacher für alle Probleme dieser Welt verantwortlich u. schuldig zu fühlen.

    Ich komme inzwischen zu der Ansicht, nicht der Islam ist krank, sondern die dt. Mentalität, die am wenigsten für die eigene Spezie übrig hat.

  • @Guenther Meier
    Man könnte es fast annehmen. ;)

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