Anti-Terror-Kampf – ein Kommentar
Das falsche Feindbild

Nach dem Paris-Terror gibt es eine falsche Schlussfolgerung: Der Staat tut zu wenig für die Sicherheit vor dem äußeren Feind. Nun bombt er gegen den IS. Richtiger wäre: Der Staat tut das Falsche gegen den inneren Feind.
  • 95

Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sich Europas Politiker ein wahrhaftiges Bild über die realistischen und tatsächlichen Hintergründe des stetig zunehmenden Terrors auf unserem Kontinent machen können. Bislang behelfen sie sich zumeist mit einer Hilfskonstruktion. In den Vordergrund ihrer Erklärungsmuster schieben sie das Adjektiv „islamistisch“.

Oberflächlich betrachtet ist dies angebracht. Immerhin sind sämtliche bekannten Terroristen Muslime, also Gläubige des Islam. Und immerhin schreien sie bei jeder Horror-Gelegenheit „Allahu akbar!“ (Gott ist am Größten!), so als fühlten sie sich als die privilegierten Schergen eines Allah, der sie dazu auserkoren hat, mit Mordtaten, Gräuel und blindem Horror die Andersgläubigen, also Ungläubigen in Angst und Schrecken zu versetzen.

Doch auch in diesem Bereich sind nicht nur viele Wissenschaftler, sondern auch viele Geheimdienstler längst wesentlich aufgeklärter als die Politik, die in Sachen Terrorismus meist argumentativ von der Hand in den Mund lebt. Das hat seine Gründe: Zumeist dauert es viel zu lange, bis Politiker neue Erkenntnisse aufgreifen.

Viele Parallelen zwischen den islamistischen Gewalttaten in Frankreich, Großbritannien, Belgien und früher auch schon Dänemark hätten sie längst aufrütteln müssen. Sowohl bei den Attentaten in Paris – gegen das Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Januar dieses Jahres und jetzt seit Paris und Brüssel im Prinzip gegen alle – doch auch schon in Kopenhagen, Madrid, London und Brüssel wurde offenbar, dass die meisten, wenn nicht gar sämtliche Täter den Sicherheitsbehörden lange vor den Attentaten bekannt waren. Denn sie lebten schon seit Jahren dort.

In Frankreich und Großbritannien kommt ein entscheidender Wesenszug dieses Terrorismus krasser zutage als anderswo: Die meisten, wenn nicht gar alle Attentäter und Schläfer waren oder sind Staatsbürger nicht etwa Iraks, Saudi-Arabiens oder Syriens. Sie waren europäische Bürger, Staatsbürger Frankreichs oder Großbritanniens. Völlig ungeachtet dieser Tatsachen aber erfolgte die zunächst einmal verständliche, doch irrige öffentliche Schlussfolgerung: Der Staat tut zu wenig für die Sicherheit vor dem äußeren Feind! Richtiger wäre die Folgerung gewesen: Der Staat tut das Falsche gegen den inneren Feind.

Denn statt nur stets dem Pawlow'schen Reflex zu folgen, mehr „law and order“, mehr Telekommunikationsüberwachung, mehr Datenspeicherung, mehr Gesetze und mehr Polizei zu fordern, hätte ein Blick auf die Parallelen zwischen den Mordtaten weitergeholfen: Fast alle Attentäter wurden ideologisch erst über einen längeren Zeitraum zu muslimischen Gewalttätern (a)sozialisiert – zumeist erst, nachdem sie am unattraktiven Rand der Gesellschaft, in den Fremdenghettos europäischer Großstädte, also in den Brutstätten der Gewalt aufgewachsen waren: aus schäbigen Ghettos kommend, oft hoffnungslos, ziellos, meist jedenfalls arbeitslos, nicht selten ohne Familienbande. Ohne jegliche Perspektive, Desperados.

Die meisten wurden dann in einem trostlosen, erst sozial, dann psychisch und schließlich ideologisch gewalttätigen Umfeld radikalisiert, hinein gedrängt in politisch-religiöse Cliquen, die nur warten mussten, diese offenkundigen Losertypen für ihre radikalen Ziele einspannen zu können: Hassprediger, die Freunde und Helfer.

Seite 1:

Das falsche Feindbild

Seite 2:

Verwehrt: Soziale Leben

Kommentare zu " Anti-Terror-Kampf – ein Kommentar: Das falsche Feindbild"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Liebe Leser,

    die Kommentarfunktion ist geschlossen. Leserbriefe und interessante Beiträge zur Debatte nehmen wir gerne unter debatte@handelsblatt.com entgegen.

    Beste Grüße aus der Redaktion.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Zitat:
    "Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sich Europas Politiker ein wahrhaftiges Bild über die realistischen und tatsächlichen Hintergründe des stetig zunehmenden Terrors auf dem Kontinent machen können"
    Diese Aussage ist eine Bankrotterklärung der Politik.
    Unfähig zu erkennen, daß die ständigen militärischen Einmischung und Destabilisierungen der Länder Afghanistan, Syrien, Kosovo, Mali, Lybien, Irak, Ägypten, Somalia….den Terror unweigerlich bedingen und auslösen. Da werden geopolitische Ziele der Wertegemeinschaft verfolgt … nach dem Motto. Und willst du nicht meiner Meinung sein…dann schlag ich dir den Schädel ein. Staatsoberhäupter von Länder die sich in stabilen Verhältnissen befinde werden verteufelt, deren Länder entweder direkt oder indirekt destabilisiert und diese Länder werden dann in eine Wüste verwandelt. Kollateralschäden dieser über Jahrzehnte verfolgten Politik sind 'Anschläge','Flüchtlingsströme',…..

    Unter diesem Gesichtspunkt kann man wohl behaupten, daß unsere Bundesregierung alles dafür tut damit diese Kollateralschäden weiter zunehmen. Ob über Waffenlieferungen (Saudis ,Pkk,..) über indirekte Finanzierung (Türkei), über Einmischungen (Ukraine, Syrien) und einseitige Beschuldigungen (Russland, Syrien) oder über Friedensmissionen (Afghanistan, Mali,…).
    Die Bundesregierung der A.Merkel fährt auf Sicht (Zitat.: unser Finanzminister) und das schon seit geraumer Zeit und scheint sehr nebelig zu sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%