Arabische Israelis
Neustart in Nazareth

In einem israelischen Industriepark bei Nazareth arbeiten arabische Isrealis an ihrer Integration in die heimische High-Tech-Gesellschaft. Neue Firmen sollen das Potential der unterschätzten Minderheit nutzen - und die multikulturelle Gesellschaft des Landes versöhnen.
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TEL AVIV. Auf den ersten Blick unterscheidet New Generation Technology (NGT) nichts von den übrigen rund zwei Dutzend so genannten Inkubatoren in Israel. In dem bei Nazareth gelegenen Industriepark arbeiten Forscher, Marketing- und Finanzexperten eifrig daran, aus innovativen Ideen tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Doch der im Jahr 2002 gegründete „Brutkasten“ verfolgt noch einen weiteren Zweck: „Wir richten uns ganz gezielt an die arabisch-israelische Business-Community“, beschreibt Ron Meitar das Konzept.

Denn noch sind die arabischen Bürger Israels in der boomenden Hightech-Industrie des Landes wenig präsent. Und das, obwohl ihr Bevölkerungsanteil bei über zwanzig Prozent liegt. Dafür gibt es zahlreiche Gründe: „Zum einen leben viele arabische Israelis abseits von den wirtschaftlichen Zentren, zum anderen haben sie eine andere Geschäftskultur“, berichtet der Berater von NGT. Und weil die Araber nicht der Wehrpflicht unterliegen, fehlt ihnen auch der Zugang zu den Netzwerken innerhalb der IT-Industrie, deren Ursprünge oft beim israelischen Militär zu finden sind.

In den Bereichen Medizintechnik und Pharmazie dagegen sind arabische Israelis überdurchschnittlich häufig vertreten. „Genau dieses Potenzial wollten wir anzapfen“, berichtet Meitar. Zusammen mit fünf arabischen Unternehmern gründete der in den USA lebende israelische Investor David Gilo deshalb NGT. Wie die meisten der anderen Inkubatoren in Israel handelt es sich dabei um eine Partnerschaft zwischen privaten Geldgebern und dem Staat. Aktuell werden von NGT vierzehn Unternehmen betreut. Nach gründlicher Prüfung durch das Wirtschaftsministerium bekommt jedes eine halbe Million US-Dollar an öffentlichen Geldern. Weitere 100 000 Dollar stammen von privaten Investoren aus dem In- und Ausland. Im Gegenzug bekommt der Staat Anteile an den Unternehmen, die dann von NGT treuhänderisch verwaltet werden.

Erweist sich eine Geschäftsidee als erfolgreich, hat NGT die Möglichkeit, diese Anteile mit einem Zinszuschlag aufzukaufen. Floppt das Ganze, bleiben sie im Besitz des Staates und die privaten Verluste überschaubar.Der Schwerpunkt von NGT liegt auf dem Bereich Life Sciences. Fluorinex Active ist ein Beispiel dafür, dass das Konzept der Geburtshelfer aufgeht. 2004 gegründet, ist das Unternehmen seit 2006 mit Produkten für Dentalhygiene auf dem israelischen Markt vertreten. Dank weiterer Investoren wagte man bereits den Sprung nach Lateinamerika und der Türkei. Und Orabio, 2005 ins Leben gerufen, befindet sich mit seinen Medikamenten gegen Lungenkrebs und der Augenkrankheit AMD sehr erfolgreich in der klinischen Testphase.

Inkubatoren sind in Israel aus der Not heraus geboren. Denn in den neunziger Jahren kamen mit der Einwanderung aus der kollabierenden UdSSR hunderttausende oftmals sehr gut ausgebildeter Juden nach Israel. Bald belegte der jüdische Staat mit 135 Ingenieuren auf 10 000 Arbeitnehmern weltweit einen Spitzenplatz. Um diesen Beschäftigung zu bieten und die IT-Industrie voranzubringen, wurden diese Brutkästen etabliert.

Was bei den jüdischen Israelis klappte, soll nun auch arabischen Israelis helfen. „Wir arbeiten hier in einer wahrhaft multikulturellen Atmosphäre“, berichtet Meitar nicht ohne Stolz. „Viele der von uns betreuten Unternehmen haben ein gemischt jüdisch-arabisches Management, mal ist der CEO ein jüdischer Israeli, der Finanzchef dagegen ein Araber und der Leiter der Forschungsabteilung kommt aus der Ex-UdSSR.“ NGT ist deshalb nicht nur ein Brutkasten für Unternehmensgründer, sondern ebenfalls für eine erfolgreiche Koexistenz im Nahen Osten.

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