Arabischer Frühling
Ägypten und die verpasste Revolution

Ein Absang auf den Arabischen Frühling: Ägypten ist unter Al-Sisi zu einer neuen Militärdiktatur geworden. Einstige Protagonisten der Revolution werden gejagt, die Opposition verfolgt, Demonstranten eingesperrt.
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KairoHerausgeputzt mit blauem Anzug, die wenigen Haare mit Pomade in den Nacken gezogen, taucht Anfang November ein Mann neben der Kasr-al-Nil-Brücke in Kairo auf und hält ein Schild hoch: „Hupe, wenn Du die Hinrichtung der Muslimbrüder wünschst.“ Eine Nacht, eine zweite, ganze Wochen steht der Mann da – ideologisch ganz auf der Linie des neuen Regimes – und hält sein Schild hoch. Die vierspurige Brücke ist ein Nadelöhr zwischen Kairos Westen hin zum einstigen Schauplatz der Revolution, dem Tahrir-Platz. Das Schild zeigt, was aus Ägypten knapp vier Jahre nach seiner Revolution geworden ist.

Im Januar und Februar 2011 bewirkten die Ägypter nach wochenlangen Demonstrationen den Rückzug des Langzeitherrschers Husni Mubarak. Es folgten eine neue Verfassung und der von den Muslimbrüdern unterstützte islamistische Präsident Mohammed Mursi. Doch schon im Sommer 2013 folgte die „zweite Revolution“, ein wohl von der Armee inszeniertes Aufbegehren. Der heutige Präsident und damalige Armeechef Abdel Fattah al-Sisi stürzte Mursi, Proteste ließ er niederschlagen.

Heute befindet sich das bevölkerungsreichste arabische Land zwischen Alltag und Ausnahmezustand. Viele Ägypter bejubeln Al-Sisi als Retter der geschwächten Wirtschaft. Andere befürchten, dass sich ihr Land in einen Militärstaat verwandelt, schlimmer als einst unter Mubarak.

„Hier findest du niemanden, der Mursi oder Mubarak nachtrauert“, sagt Mohi und spuckt theatralisch aus seinem Fahrerfenster. Mohi arbeitet als Taxifahrer in Kairo, umgerechnet knapp 80 Euro verdiene er im Monat. Auf seinen neuen Präsidenten lässt er nichts kommen. „Der bringt Ägypten vorwärts, warte nur ab.“

„Es ist wie mit (Barack) Obama“, sagt hingegen Hanafi in Anspielung auf den US-Präsidenten. „Erst jubeln alle, und dann war es doch nur heiße Luft“. Hanafi, 31, ist Vater von zwei Kindern und wohnt im Kairoer Armenviertel Imbaba. Von morgens fünf Uhr arbeitet er als Mechaniker bei einer internationalen Firma. Weil der Lohn trotzdem nicht reiche, arbeite er nachts noch als Fahrer. Die Regierung könne keine Wunder vollbringen, sagt er. „Unser Land steckt im Stau fest, egal ob auf den Straßen oder in der Politik“.

Al-Sisi gibt sich umtriebig. Im August, keine zwei Monate nach seinem Amtsantritt, verkündete der Präsident den Ausbau des Suezkanals und rief die Ägypter zur Mitfinanzierung auf. Umgerechnet 6,7 Milliarden Euro kamen in nur zwei Wochen für Al-Sisis Prestigeprojekt zusammen, laut lokalen Medien nur Geld aus dem Inland. Der Suezkanal gehört zusammen mit dem Tourismus zu den wichtigsten Einnahmequellen des Landes.

Gegen Islamisten fährt al-Sisi einen harten Kurs. Im Norden des Sinai und an der Grenze zum Bürgerkriegsland Libyen attackieren immer wieder Verbündete der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die ägyptische Armee. Doch auch gemäßigte Islamisten wurden in den vergangenen Monaten zu Hunderten eingesperrt und zum Tode verurteilt. Auf Bürgerrechtler, Journalisten und Demokratieaktivisten – einstige Protagonisten der Revolution – macht die Justiz ebenfalls Jagd.

Jeder, der öffentlich Kritik äußert, wird zum Verdächtigen. Ein Café in Kairo wurde angeblich geschlossen, weil seine Besucher Satan-Anbeter sein sollen. Ein Badehaus wurde gestürmt, weil sich darin Männer zum Sex treffen würden. Und ein Student soll verhaftet worden sein, weil er den Roman „1984“ von George Orwell über einen totalitären Überwachungsstaat bei sich trug.

Ein neues Aufbegehren muss Al-Sisi so schnell nicht befürchten. Wie die Taxifahrer Mohi und Hanafi wollen viele Ägypter Stabilität. Doch es gibt Anzeichen eines zivilen Ungehorsams: „1984“ wurde nach dem Zwischenfall mit dem Studenten zum Verkaufsrenner bei Kairos Straßenhändlern.

Und auch der alte Mann auf der Kasr-al-Nil-Brücke musste seinen Posten inzwischen räumen. Eine Gruppe Jugendlicher hatte ihn eines Abends eingekreist und gerufen: „Hörst du hier jemanden hupen, Onkelchen?“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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