Arbeiter ausgesperrt
Nordkoreas Grenzen bleiben zu

Kim Jong Un bleibt in seinem riskanten Macht-Poker stur und legt noch einen drauf: Arbeiter aus dem Süden mussten auch heute vor der Grenze umkehren. Die Armee gab außerdem grünes Licht für Atomangriffe gegen die USA.
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Tokio/DüsseldorfNordkorea blockiert den zweiten Tag in Folge die Einreise südkoreanischer Arbeiter. An der Grenze warteten am Donnerstagmorgen rund 40 Fahrzeuge auf Zugang zu dem gemeinsam von Nord- und Südkorea betriebenen Industriekomplex Kaesong, berichtete ein AFP-Reporter. Angeblich müssen alle im Industriepark verbliebenen Südkoreaner die Sonderzone bis zum 10 April verlassen.

Denen, die an der Grenze warteten, wurde über Lautsprecher mitgeteilt, dass südkoreanischen Arbeitern weiter keine Einreiseerlaubnis erteilt werde, worauf die Fahrzeuge umgekehrt seien. Nach Angaben des südkoreanischen Vereinigungsministeriums in Seoul wollten am Donnerstag 526 Arbeiter und 421 Fahrzeuge nach Nordkorea einreisen.

Auch den USA drohte Nordkorea über Nacht erneut: Ein Sprecher des Generalstabs der nordkoreanischen Volksarmee erklärte über den englischsprachigen Dienst der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA, Nordkoreas Militär habe offiziell grünes Licht für einen Angriff gegen die USA gegeben, der auch den Einsatz von Atomwaffen einschließt.


Die Einreisesperre für die südkoreanischen Arbeiter startete am Mittwoch. Noch ist unklar wie lange die Grenzen für Südkoreas Arbeiter andauern soll. Ein Sprecher der Vereinigung der ansässigen Firmen sagte am Donnerstagmorgen, Nordkorea habe den Unternehmen eine Frist gesetzt, um den gemeinsam betriebenen Industriekomplex zu verlassen.

Die Firmen seien aufgefordert, sich bis Mittwoch (10. April) komplett zurückziehen, sagte der Sprecher. Die südkoreanische Regierung wies den Bericht allerdings umgehend als falsch zurück.

Ein Ende der Wirtschaftszone könnte vor allem Nordkorea hart treffen. Zwar ist das Larm arm und weitgehend autark, auf Devisen sind jedoch gerade die Regimemitglieder dringend angewiesen. Ausgerechnet die größte Devisenquelle des Landes bringt Staatschef Kim Jong Un jetzt im Streit über das Atomprogramm des Landes in Gefahr: Pjöngjang riegelte am Mittwoch die gemeinsam mit dem Süden betriebene Sonderwirtschaftszone Kaesong ab. Die aus Südkorea kommenden Pendler standen vor verschlossenen Türen, die Welt sorgt sich um eine weitere Eskalation.

In der südkoreanischen Grenzstadt Paju warteten Hunderte Arbeiter und Manager ungeduldig, nach Kaesong einreisen zu dürfen. "Das Vertrauen zwischen dem Norden und dem Süden bröckelt - auch bei den Kunden sinkt das Vertrauen", warnt Lee Eung Haeng, der eine Kleiderfabrik in Kaesong betreibt. In Lees Firma arbeiten 600 Nordkoreaner, wo jeder im Monat durchschnittlich 130 Dollar verdient. Insgesamt sind in der Sonderzone 54.000 Nordkoreaner beschäftigt – und relativ wenige Vorarbeiter und Manager aus dem Süden.

Die nordkoreanischen Arbeiter hätten vermutlich schon geahnt, dass etwas im Argen liege, sagte der Südkoreaner Jang Sun Woo. "Sonst haben sie immer über meine Witze gelacht - diese Woche waren sie aber irgendwie anders."

Für beide Koreas ist die Wirtschaftszone in Kaesong wichtig – für den Süden allerdings eher symbolisch, für den Norden dagegen wirtschaftlich. Dem verarmten Nordkorea mit seiner bisweilen hungernden Bevölkerung, seiner riesigen Armee und seinen Atomambitionen bringt der Industriekomplex dringend benötigte Devisen ein.

Vor allem südkoreanische Firmen in arbeitsintensiven Bereichen wie der Textilindustrie haben Betriebe in Kaesong angesiedelt. Insgesamt haben sie rund 800 Millionen Dollar investiert. Denn von den kommunistischen Arbeitsvermittlern können sie Arbeitskraft zu Preisen kaufen, die selbst im Ostteil Chinas kaum mehr möglich wären: Umgerechnet zahlen sie 130 bis 150 US-Dollar im Monat pro Arbeiter. Ein Großteil landet direkt in der Kasse des nordkoreanischen Staats.

Etwas mehr als 80 Millionen US-Dollar streicht Kim Jong Uns Regime damit jährlich ein. Hinzu kommen Steuerzahlungen südkoreanischer Firmen an den nordkoreanischen Staat. Dafür produzierten die südkoreanischen Firmen 2012 Waren im Wert von ungefähr 470 Millionen US-Dollar. Das waren immerhin 17,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Wirtschaftlich ist die Behinderung – oder gar eine spätere Schließung – der Sonderzone für Nordkorea also ein sehr zweischneidiges Schwert: Mehr als 50.000 Arbeiter würden bei einem Kollaps der kapitalistischen Insel ihre Einkommen verlieren – und das Regime seine wichtigste Devisenquelle.

Die rund 800 Südkoreaner, die sich noch in dem Industriekomplex auf nordkoreanischem Gebiet befinden, sollen zwar offiziellen Angaben zufolge ausreisen dürfen und sind keine Geiseln – aber dennoch handelt es sich um eine weitere mutwillige Eskalation des Konfliktes durch Pjöngjang. Nordkorea erlaubte ihnen die Ausreise, lediglich 36 von ihnen kehrten aber zunächst in den Süden zurück. Südkorea hatte sich zunächst besorgt gezeigt, seine Staatsbürger könnten als Geiseln genommen werden.

Kommentare zu " Arbeiter ausgesperrt: Nordkoreas Grenzen bleiben zu"

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  • Himmel - wie kann jemand so bekloppt sein und im kommunistischen Nachbarland ne Fabrik bauen?

    Die wird verstaatlicht - es wird weiter produziert und verkauft. Die Devisen fließen weiter und gut.

    Die Firmeninhaber werden von Südkorea Schadenersatz erhalten, den zahlt dann das IWF von den Zinsen, die sie von Griechenland und Zypern bekommen. Diese Zinsen wiederun zahlen die europäischen Steuerzahler. Die Welt dreht sich fleißig weiter :-)

  • Hier hilft aus dem Bauch heraus wohl nur noch ein so gewaltiger atomarer Erstschlag der Amerikaner, das endlich Schicht im Schacht ist. Die Kehrseite wäre: Millionen unschuldige Nordkoreaner würden mitbezahlen.

  • @pro-d / @hermann.12
    hmm, von was wollen die Amis nur ablenken???
    #
    Hallo Mitforisten!
    Nicht ohne tieferes Nachdenken auf "pro-d" einschlagen, denn eine Ablenkung vom eigentlichen Ort des Geschehens ist durchaus möglich - ja, sogar nahe liegend, wenn auch nicht sicher, da Nordkorea selbst zu Ostblock-Zeiten ein weitgehend selbständiger Staat war.
    Doch merke: Mit Fernost-Geschachert lässt sich bestens von den zukünftigen Ereignissen im Nahost ablenken. Dort wird wohl demnächst schon die eigentliche (Kriegs-)Musik gespielt werden

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