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Arbeiteraufstand in China: Die Wütenden von Dongguan

Eine Straße in einem trostlosen Fabrikviertel ist für Chinas Regierung zum Symbol einer neuen Bedrohung geworden. Die Wirtschaft leidet unter einer Exportflaute, die viele Arbeitsplätze kostet. Das Heer der Wanderarbeiter steht auf - deren Mut zum Protest stiftet andere Unzufriedene an.

von Andreas Hoffbauer
Arbeitskampf im wörtlichen Sinne: In den Büros einer Spielzeugfabrik im chinesischen Dongguan hat sich der Zorn der Arbeiter entladen. Foto: AP Quelle: ap
Arbeitskampf im wörtlichen Sinne: In den Büros einer Spielzeugfabrik im chinesischen Dongguan hat sich der Zorn der Arbeiter entladen. Foto: AP Quelle: ap

DONGGUAN. Schichtwechsel, 18 Uhr. Tausende von jungen Männern und Frauen drängen durch das breite Fabriktor auf die enge Straße, vorbei an kleinen Läden und dampfenden Suppenküchen, die sich dort aneinanderreihen. In wenigen Minuten verwandelt sich das Wohnviertel vor dem Werk des Spielzeugherstellers Kader in eine Art Jahrmarkt. Es riecht nach Teigtaschen und Zuckerstangen. Am Arbeiterwohnheim gegenüber, einem Block aus Waschbeton, wehen bunte Hemden und Hosen im warmen Novemberwind. Alles scheint normal in Dongguan, im Süden Chinas.

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Bis ein gepanzertes Spezialfahrzeug mit außen schwarz verspiegelten Sichtschlitzen sich seinen Weg durch die Menge bahnt. Wie eine stumme Macht rollt die Polizei im Schritttempo die Fabrikstraße entlang. Die Blaulichter zucken in der Dämmerung über Hauswände. Die Menschen weichen nur sehr widerwillig zurück. "Haut ab!" zischt ein Jugendlicher, um dessen Hals ein Werksausweis baumelt. Zwei Tage ist es da her, dass in dieser kleinen Straße "das Chaos" ausbrach, wie ein Beteiligter erzählt. Seither liegt etwas in der Luft, eine Revolte, die diese Gegend sehr verändern könnte, in der vor gut 30 Jahren mal alles angefangen hat, und vielleicht das ganze Land.

Dabei war anfangs nichts passiert, was die Wanderarbeiter hier nicht schon kannten. Sie kommen Hunderte, Tausende Kilometer aus ihren Dörfern in das Perlflussdelta, weil es dort Arbeit gibt. Wenn die getan ist, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, schickt man sie fort.

Jetzt, dachten sich die Fabrikbosse, werden viele der Arbeiter nicht mehr gebraucht. Es gibt eine Krise, das Ausland interessiert sich plötzlich viel weniger für das, was sie hier herstellen: Kader, Produzent für Spielwaren für den Export, für Mattel unter anderem. Die Welt hat andere Probleme. Die Bosse haben Arbeiter entlassen.

Dieses Mal aber ließen die sich nicht einfach wegschicken. Sie sind geblieben. Sie haben das Personalbüro ihrer Fabrik gestürmt. Sie haben in ihrer Wut Büros verwüstet und Autos der Polizei umgeworfen. Sie waren etwa 500, und mit ihrem Ausbruch ist etwas sichtbar geworden, eine Unzufriedenheit, die sich ausbreitet.

"Wir wollten wissen, warum wir von einem Tag auf den anderen gekündigt worden sind, und haben eine angemessene Entschädigung gefordert", sagt vor dem Werkstor eine Frau im grauen Hosenanzug. Sie ist 38, sie kam aus der Provinz Hubei, neun Jahre war sie bei Kader. Sie wartet nun nicht mehr auf den Beginn ihrer Nachtschicht: "Von heute auf morgen hat man mich entlassen." Neben ihr stehen ein brauner Koffer, ein Bündel und ein Rucksack. "Wer fliegt, muss raus", sagt sie und blickt in Richtung des Firmenwohnheims, in dem auch sie untergekommen war. Sie ist müde und noch eingeschüchtert. Unter ihren Augen nisten tiefe Ringe, ihr Blick wandert nervös hin und her. Sie will nur in einer dunklen Ecke reden; besser, wenn es nicht jeder mitbekommt.

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