Arbeitgeber Brüssel
Die Muster-Europäer

Auch wenn die meisten Deutschen die Brüsseler Institutionen als Bürokratiemonstren sehen, ist die EU für andere doch auch ein attraktiver Arbeitgeber. Immer mehr Deutsche zieht es inzwischen nach Brüssel. Drei deutsche Nachwuchs-Eurokraten erzählen über ihr Brüsseler Leben.

BRÜSSEL. Armin Kummer zieht ein Schriftstück aus der Tasche seines Jackets, das wie kein anderes die vermeintlich überbordende Brüsseler Bürokratie symbolisiert. „Verordnung der Kommission zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken“ steht auf dem Deckblatt. Es ist die Hohn und Spott herausfordernde „Gurken-Verordnung“. Wer hat sich noch nicht vor Lachen gebogen bei der Geschichte: Die EU schreibt den Bauern vor, wie der Krümmungsgrad der Gartenfrucht beschaffen sein muss. Die spinnen, die Eurokraten.

„Wissen Sie, auf wessen Lobbydruck diese Verordnung zustande kam“, fragt Kummer, und seine Augen glänzen voller Vorfreude auf die Antwort, die er gleich geben wird. „Es war vor allem der Verband der deutschen Landwirtschaftskammern“, erläutert der Mann, auf dessen Brust ein blau-weißer Ausweis hin und her baumelt. Das Plastikkärtchen weist den 35-Jährigen als Beamten der EU-Kommission aus.

Die bekannten Vorurteile über seinen Arbeitsplatz sind Kummer ein Greuel. Daher betreibt er Aufklärungsarbeit in Sachen Gurken-Verordnung: „Agrarlobbyisten wollten den Export der deutschen Gurke erleichtern und pochten auf gleiche Normen und Handelsklassen für alle EU-Länder“, sagt der Nachwuchsbeamte mit strengem Tonfall. Soviel zu Europas bekanntester Lachnummer.

Wenn es nur um Gurken ginge, wäre der studierte Volkswirt mit Auslandsaufenthalten in Cambridge und Harvard nicht so engagiert. Aber es geht ja um mehr. Die EU ist in der Krise. Die Menschen wenden sich in Scharen ab von diesem Europa, das nach Bevormundung und seelenloser Technokratenherrschaft riecht.

Armin Kummer, der in der Generaldirektion Industrie als Experte für transatlantische Wirtschaftsbeziehungen arbeitet, hat ein anderes Bild von Europa. „Der Binnenmarkt ist ein Segen für die deutsche Wirtschaft“, sagt er. „Statt 27 Normen gibt es nur noch eine einzige, die für alle gilt“. Eine große Erleichterung sei das für die Unternehmen.

Kummer hat nach seinem Studium für einen weltweit operierenden Unternehmensberater gearbeitet. Dann schlug er die europäische Beamtenlaufbahn ein, machte den Aufnahmetest für die Kommission und bestand. „Ich habe mir die Sinnfrage gestellt“, erzählt er. „Soll ich für den Rest meines Lebens bei der Optimierung der Zahnbürstenproduktion helfen oder aktiv an der europäischen Integration mitwirken?“ Kummer entschied sich für den zweiten Weg.

Seite 1:

Die Muster-Europäer

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%