Arbeitgeber preisen Standortvorteil – Gewerkschaften drängen auf Annäherung
Lockerer Kündigungsschutz nützt Schweiz

Die Schweizer sehen einen ihrer wichtigsten Standortvorteile gegenüber Deutschland in Gefahr: den flexiblen Arbeitsmarkt. Zwei Bewegungen geben den Eidgenossen dabei Anlass zur Sorge. Zum einen beobachten sie die Diskussion in Deutschland, die durch den jüngsten CDU-Vorschlag, den Kündigungsschutz zu lockern, wieder in Gang gekommen ist. Zum anderen wächst der Druck im eigenen Land, beim Kündigungschutz mehr für die Arbeitnehmer zu tun.

ZÜRICH. Die Schweizer Unternehmen kennen bislang nur minimale Regelungen: Mitarbeiter können ohne Angabe von Gründen entlassen werden. Abfindungen gibt es in der Regel nicht. Die Kündigungsfrist beträgt zwischen einem und drei Monaten. Was für die Arbeitnehmer auf den ersten Blick unangenehm erscheint, ist volkswirtschaftlich ein Segen. Auf die beneidenswert niedrige Zahl von 3,7 Prozent haben sich die meisten privaten und regierungsamtlichen Wirtschaftsforscher in der Schweiz geeinigt, wenn sie nach ihrer Einschätzung zur Arbeitslosenquote in diesem Jahr gefragt werden. 2,8 Prozent könnten es nächstes Jahr werden. Die niedrige Rate, die etwa 150 000 Arbeitslosen entspricht, ist jedoch kein Zeichen für einen Wirtschaftsboom, der zwischen Basel und Chiasso seinen Lauf nimmt. Im Gegenteil: Die vom Wirtschaftsministerium in Bern vorausgesagten 1,8 Prozent Wachstum bewegen sich wie die Zahlen von Deutschland innerhalb der OECD-Länder am unteren Rand.

Thomas Straubhaar, Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsarchivs, und Heinz Werner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, haben für eine Studie des Nürnberger Instituts nach den Gründen für das Schweizer Phänomen niedriger Arbeitslosigkeit bei niedrigem Wachstum geforscht. Ihr Befund könnte für Deutschland so wegweisend sein, dass sich „hier zur Sicherheit kaum jemand damit auseinander gesetzt hat“, wie Werner nicht ohne Ironie vermutet. Er nennt den lockeren Kündigungsschutz als ein wichtiges Element des Schweizer Modells.

Der Berner Präsident der Arbeitgeberverbände, Christian Kauter, bestätigt die Einschätzung der Wissenschaftler: „Kündigungsschutz“, sagt er, „ist eine Form des Protektionismus“. Veraltete Strukturen würden durch hohe Hürden beim Stellenabbau länger als nötig erhalten. Die Wirtschaft, so seine Einschätzung der deutschen Misere, könne sich weniger flexibel entwickeln. Wenn Deutschland den Kündigungsschutz lockere, würde es an Konkurrenzfähigkeit gewinnen. „Der Trend, dass deutsche Firmen in die Schweiz ziehen, könnte nachlassen“, glaubt der Arbeitgeberpräsident.

Mauro Moretto, Zentralsekretär der Dienstleistungsgewerkschaft Unia, sieht umgekehrt im deutschen Modell ein Vorbild. „Für uns ist klar, dass der Kündigungschutz in der Schweiz viel zu schwach ist“, meint er. Die niedrigere Arbeitslosigkeit in seinem Land führt er auf andere Standortvorteile wie Ausbildungsstand, aber auch länger Wochenarbeitszeiten zurück. Die Thesen der Gewerkschaft werden künftig eine größere Rolle spielen, hofft er mit Blick auf ein historisches Datum in zwei Wochen. Dann nämlich wollen sich vier Schweizer Gewerkschaften zu einer zusammenschließen, um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Und neue Tarifverträge, die mehr Kündigungsschutz bieten, stehen auf der Prioritätenliste der vereinigten Gewerkschaft ganz oben.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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