Arbeitslos in Amerika
Absturz aus der Mittelschicht

Nur 99 Wochen bekommen Arbeitslose in den USA staatliche Unterstützung. Millionen Menschen stürzt das in die persönliche Katastrophe. Paul Berardino ist einer von ihnen.
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NEW YORK. Paul Berardino ist kein typischer Arbeitsloser. Der 46-Jährige New Yorker ist studierter Politikwissenschaftler, Vertriebsmanager, Medienexperte, Buchautor. Als am 11. September 2001 in Downtown Manhattan zwei Flugzeuge ins World Trade Center krachen, arbeitet er im Gebäude schräg gegenüber für Thomson Financial - und kommt mit dem Schrecken davon.

Der eigentliche Anschlag auf Berardinos Leben folgt sechs Jahre später. Investcorp., eine Private-Equity-Firma mit Sitz in Bahrein, übernimmt die Sparte Thomson Media und setzt den Vertriebsmann aus Manhattan vor die Tür: "Ohne Vorwarnung, ohne einen Cent Abfindung, eiskalt", schimpft Berardino. Fortan schickt er pausenlos Bewerbungen, doch nachdem im September 2008 die Investmentbank Lehman Brothers zusammenbricht, kommt von all den Arbeitgebern, die er anschreibt, kaum mehr eine Notiz: "Die meisten", sagt er mit rauer Stimme, "schicken nicht mal eine Absage." Aus Berardino, dem Multitalent, wird einer von vielen Millionen Langzeitarbeitslosen in den USA.

"99ers" werden sie im Volksmund genannt, weil sie die maximale Dauer der Arbeitslosenunterstützung von 99 Wochen überschritten haben. Unter ihnen sind Millionen Menschen, die erst ihren Job verloren haben, dann ihr Haus. Die in ihren schlimmsten Träumen nicht daran dachten, dass sie einmal so abstürzen könnten. Die nun ihr letztes Hab und Gut auf Flohmärkten verscherbeln und bei Verwandten oder Freunden Übernachtungsmöglichkeiten anfragen. Wenn nicht, schlafen sie im Auto. Ein Teil der amerikanischen Mittelklasse, einst Grundstein des reichsten Landes der Erde, verabschiedet sich in die Obdachlosigkeit.

Serri Ann Porrata von der südlich von New York gelegenen Insel Staten Island ist seit dem 17. November 2008 arbeitslos. Woche für Woche schreibt sie bis zu 100 Bewerbungen, bisher allesamt vergebens. "Ich tue was immer nötig ist, um Arbeit zu finden. Aber es gibt keine", beteuert sie. 23 Jahre lang hat sie ununterbrochen gearbeitet, zuletzt für ein Gehalt von 65 000 Dollar. Jetzt sind die Ersparnisse aufgebraucht, die Arbeitslosenhilfe läuft aus, und sie steht bei der "Food Bank" zum Essen an: "Entwürdigend" sei das. Geschichten wie diese finden sich tausendfach in Internetforen, allein auf der Online-Plattform About.com haben derzeit 2 136 Jobsuchende ihre Hilferufe hinterlegt.

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  • Amerika ertrinkt im Sumpf aus Schulden und wachsender Armut. Trotzdem werden 18 Prozent des biP für den Militär- und Rüstungsbereich ausgegeben. Sollten hier Kürzungen vorgenommen werden würden weitere Hunderttausende Jobs verloren gehen. Die "echte" Arbeitslosenquote (U6) in den USA liegt inzwischen bei 16,7%. Die Unternehmen warten solange mit Neueinstellungen, bis die Regierung neue Jobs durch Übernahme eines Gehaltsanteils fördert, da die Nachfrage der privaten Haushalte kaum anziehen wird. Konsum- und Kreditexcesse hatte man ja schon genug, nur diesmal werden sie wohl ausbleiben. bald stehen wieder Wahlen an und die werden diesmal besonders teure Versprechen erfordern. God bless America ;-)

    interessante Statistiken:
    http://www.bls.gov/news.release/empsit.t15.htm

    Sehr guter block zur Miesere der US-Finanzen und Wirtschaft:
    http://endoftheamericandream.com/page/3

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