Arbeitslosigkeit auf Tiefstand
Schweizer Luxussorgen

Die deutschen Erfolge beim Abbau der Arbeitslosigkeit mögen beachtlich sein - mit Schweizer Augen betrachtet muten sie geradezu kümmerlich an. Jenseits von Rhein und Alpen muss sich nun aber ein Personenkreis Sorgen um seinen Job machen, der hierzulande eine krisenfeste Stelle und alle Hände voll zu tun hat.

ZÜRICH. In einem Ziel sind sie sich einig, die Merkels, Sarkozys und Köhlers dieser Welt: „Die Arbeitslosigkeit“, so ließ sich etwa der Bundespräsident diese Woche in Berlin vernehmen, „ist immer noch das Kernproblem.“ Wie Recht sie haben und wie wenig selbst ein noch so elanvoller französischer Wahlsieger in Wahrheit dagegen unternehmen kann, ahnen die Dame und die Herren vermutlich nicht. Es sei denn, einer jener Ankündigungspolitiker hätte in den vergangenen Tagen mal einen Abstecher in die Schweiz gemacht.

Die Eidgenossen sind bekanntlich ein Volk, das abgeschirmt vom Rhein nach Norden und von den Alpen nach Süden sowie weitgehend unbehelligt von den Argusaugen mancher EU-Kommissare sein eigenes Polit-Labor betreibt. Mit an sich beachtlichem Erfolg bei Kernproblemen: Die Arbeitslosenquote liegt beispielsweise in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,8 Prozent. Fürs übernächste Jahr prognostiziert das Staatssekretariat für Wirtschaft in Bern sogar nur noch 2,2 Prozent.

Das Ganze funktioniert bei Gehältern, bei denen sich deutsche Mindestlohnpolitiker die Augen reiben: Eine Kassiererin bei Aldi klettert nicht unter 3 000 Franken, was an die 2 000 Euro sind, hinter die Kasse. Verantwortlich dafür, dass fast alle Schweizer, die arbeiten wollen, auch Arbeit finden, ist eine liberale Gesetzgebung: Hohe Abfindungen, lange Kündigungszeiten, ausgedehnte Flächentarifverträge – also heilige Kühe im deutschen Arbeitsrecht –, das ist Gedankengut, welches Mühe hat, über Rhein oder Alpen zu kommen.

Nun aber schlägt das Pendel zurück: Die immer weiter sinkende Arbeitslosigkeit führt in der kleinen Alpenrepublik dazu, dass immer mehr staatliche Stellenvermittler auf der Straße stehen. Sicher, das Problem ist, wie die Eidgenossen zu sagen pflegen, „von Kanton zu Kanton verschieden“. Hier sind es mal 50, dort mal 20 Mitarbeiter, die gehen müssen. Im Kern allerdings ist es überall das Gleiche: Die regionalen Arbeitsvermittlungsstellen, im Schweizer Beamtendeutsch „Rav“ genannt, erhalten eine „Entschädigung“ aus der Arbeitslosenversicherung, deren Höhe sich nach der Anzahl der Stellensuchenden richtet.

Die eidgenössische Formel lautet: weniger Arbeitslose = weniger Geld für die Arbeitsvermittlung = Entlassungen in den Arbeitsämtern. Das geht, so erklärt Rita Baldegger, die Sprecherin des Staatssekretariats, wie alles in der Schweiz, nicht von heute auf morgen. Aber es funktioniert, wie alles in der Schweiz, ziemlich zuverlässig: 150 Berater der rund 3 000 Köpfe großen Schweizer Arbeitsverwaltung müssen sich seit Jahresbeginn vorwiegend selbst bei der Arbeitssuche beraten.

Die Erfahrungen hinter den Alpen zeigen also: Als neues „Kernproblem“ droht die Arbeitslosigkeit in den Arbeitsämtern.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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