Arbeitsmarkt
Hollands Jobwunder geht die Luft aus

Noch ist die Arbeitslosigkeit in den Niederlanden auf niedrigem Niveau. Doch seit Sommer vergangenen Jahres steigt die Erwerbslosigkeit, nachdem sie jahrelang zurückgegangen war. Experten erwarten, dass sich die Situation am Arbeitsmarkt weiter verschlechtern wird. Dennoch reagieren die Holländer flexibler auf die Krise als die Deutschen.

DEN HAAG. Mit zwei simplen Fragen bereitet Harry Koorstra vom Vorstand des niederländischen Postkonzerns TNT Post seine Mitarbeiter auf düstere Zeiten vor. Wer denn zu Hause privat ans Internet angeschlossen sei, will er bei einem Treffen mit Beschäftigten wissen. Zwei Drittel der Postler heben die Hand. Das populäre neue Medium koste die Post viel Geschäft, erklärt Koorstra und schiebt eine zweite Frage nach: Wer denn daheim noch mit Kohle heize. Niemand meldet sich - "und das, obwohl es noch genug Kohle im niederländischen Boden gibt". Koorstras Anspielung auf den seit Jahrzehnten stillgelegten niederländischen Steinkohlenbergbau ist als Warnung gedacht: "Der Post wird es bald so gehen wie der Kohle. In zehn Jahren gibt es hier wohl keine Post mehr."

Noch existiert die königliche niederländische Postverwaltung, aber sie muss deutlich abspecken. In den kommenden Jahren sollen allein 11 000 der 23 000 Arbeitsplätze von Postboten und Briefsortierern wegfallen. Die Sanierung der Post bedeutet die größte Massenentlassung eines Einzelunternehmens in der Geschichte des niederländischen Arbeitsmarktes.

Die Hiobsbotschaft vom Sanierungsfall Post trifft die Niederlande zu einer denkbar ungünstigen Zeit, fürchtet das Land doch gerade das Ende seines Jobwunders. Zwar ist die Arbeitslosenquote im europäischen Vergleich noch immer gering: Im Mai betrug sie nur 3,2 Prozent. Grund zum Jubel haben die Niederländer aber nicht. Seit Sommer vergangenen Jahres steigt die Arbeitslosigkeit wieder, nachdem sie jahrelang zurückgegangen war. Und: "Das Schwerste kommt noch", schreiben Kommentatoren. Die Weltwirtschaftskrise geht auch an den exportorientierten Niederlanden nicht spurlos vorbei. Regierung und Wirtschaft erwarten, dass sie sich lediglich später bemerkbar machen wird.

Zu den bislang niedrigen Arbeitslosenzahlen haben unter anderem Staatshilfen für Kurzarbeit beigetragen. Die Regierung hat diese Überbrückungsmaßnahmen ausgebaut und damit wichtigen Firmen drohende Entlassungen von Fachkräften zunächst erspart. Zugleich wurden Schulabsolventen und Berufseinsteiger ermuntert, den Eintritt in die Arbeitswelt durch zusätzliche Ausbildung aufzuschieben. Jetzt hat Den Haag angekündigt, Dutzende von milliardenschweren Investitionsprojekten zu beschleunigen, um vor allem den Bausektor zu fördern.

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