Arm und Reich klaffen immer weiter auseinander
China: Ein Land, zwei Welten

Stroh wirbelt durch die Luft. Korn rieselt aus der verbeulten Dreschmaschine in einen Korb. Es herrscht hektisches Treiben im kleinen Hof im Dorf Yu Hu in der südwestchinesischen Provinz Yunnan.

GUANGZHOU. Die Zeit drängt. Wolken künden Regen an. Li wischt sich Strohreste aus dem Gesicht und wirft seinem Onkel eine Getreidegarbe zu. Seine Mutter kehrt die Strohreste zusammen – eine Szene wie aus dem Mittelalter. Die Zeit ist stehen geblieben in Yu Hu.

Lei Yang ist gerade aus Norwegen zurück von einem Jazzfestival. Begeistert klappt er in einer Pekinger Szenebar seinen Laptop auf, zeigt Bilder von grünen Fjorden, blonden Frauen und bekannten Jazzmusikern wie Nils Peter Molvaer, sein Idol, das er interviewt hat. Die Jazzrhythmen hat er direkt in sein Internetradio übertragen.

Ein China, zwei Welten. Li und Lei stehen für die immer größere Kluft, die die Chinesen trennt. Die Minderheit ist im 21. Jahrhundert angekommen, die Mehrheit steckt im 19. Jahrhundert fest – und da wird sie wohl auch bleiben. „Der Traum von der sozialen Mobilität ist für viele Menschen ausgeträumt. Immer mehr Chinesen haben das Gefühl, sie strampeln sich ab, aber es wird nicht besser“, sagt der China-Experte Sebastian Heilmann von der Universität Trier. Viele Forscher sehen in der wachsenden Ungleichheit eine politische Zeitbombe.

In den Städten prägt die neue Mittelschicht einen neuen Lebensstil. Man ist markenbewusst, isst Fastfood und trinkt Kaffee bei Starbucks. Schauspieler, Banker, Manager. Kommuniziert wird per SMS oder E-Mail. Lei trägt seinen Computer stets im Rucksack bei sich.

Der 16-jährige Li auf dem Dorf kennt Internet nur vom Hörensagen. Nach der Schule muss er täglich auf dem Hof helfen. „Das Leben für junge Menschen ist hart“, sagt er. Seine Heimatprovinz Yunnan hat er noch nie verlassen. Ob er schon mal in der Disco oder im Kino war? Er schüttelt den Kopf: „Dafür habe ich kein Geld.“

Für Lei ist Geld kein Thema. Seine Hobbys als Musikjournalist und Moderator finanziert der 31-Jährige aus seinem Monatsgehalt von 3 000 Euro, welches er als Manager beim US-Konsumgüterhersteller Procter&Gamble verdient. Wenn er nicht durch die Welt jettet, lebt er in Guangzhou, einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern im Perlflussdelta.

Während in Chinas Großstädten rund 200 Millionen Menschen die neue Mittelschicht bilden, bleiben die riesigen ländlichen Gebiete zurück. Einer steigenden Zahl von Millionären stehen Millionen Menschen gegenüber, die weniger als einen Dollar täglich zur Verfügung haben. Die Unterschiede sind so krass, dass die Volksrepublik in einem internationalen Gerechtigkeitsindex von Geringst- und Höchstverdienern weit hinter Singapur und Südkorea zurückgefallen ist – auf Verhältnisse wie in Indien. Die Chancen auf sozialen Aufstieg schwinden. Jeder zweite der 330 Millionen Bauern gilt als unterbeschäftigt.

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