Armut
Soziale Sprengkraft in Asien wächst

Wachstum allein schafft noch keinen wohlhabenden Staat: In vielen asiatischen Ländern boomt seit einiger Zeit die Wirtschaft, die Mehreinnahmen laufen aber größtenteils an den Armen vorbei. Persönliche Bereicherung statt sozialer Investitionen – Asien droht zu einem Pulverfass zu werden.

DELHI. Eine rasant wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich belastet Asiens Wachstumsaussichten. Zudem birgt das immer steilere Einkommensgefälle die Gefahr sozialer Spannungen in der wirtschaftlich dynamischsten Region der Welt. Zu diesem Ergebnis kommt die Asiatische Entwicklungsbank (ADB). „Die Armen werde nicht ärmer, aber die Reichen erhöhen ihren Wohlstand viel schneller“, umreißt ADB-Chefvolkswirt Ifzal Ali das Problem. Damit steige die Gefahr politischer Unruhen, von Massendemonstrationen bis hin zu Bürgerkriegen. Als Menetekel gilt Nepal: Dort sei eine direkte Verbindung zwischen zunehmender Ungleichheit und Gewalt offensichtlich.

Zwar leben mit 600 Millionen Menschen heute viel weniger Asiaten unter der Einkommensschwelle von einem Dollar pro Tag als vor zehn Jahren. Doch im selben Zeitraum nahm die Kluft zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel in fast allen Entwicklungsländern der Region deutlich zu. Die krassesten Unterschiede gibt es in Nepal und China. In der Volksrepublik erinnert das Gefälle inzwischen an lateinamerikanische Staaten. Auch in Indien, Sri Lanka und Kambodscha verteilt sich der Reichtum immer ungleichmäßiger.

Dafür macht die ADB von Land zu Land unterschiedliche Faktoren verantwortlich, aber es gibt eine Gemeinsamkeit: „Das geringe Einkommenswachstum der Armen spiegelt Schwächen der Entwicklungsmodelle“, sagt Ali. Ein Hauptfaktor sind fehlende öffentliche Investitionen in ländlichen Gebieten. Schlechte Infrastruktur, mangelhafte Schulbildung und unzureichende Krankenversorgung halten dort viele Menschen in Armut fest. Verschärft wird dies durch Regulierungen, die private Investitionen verhindern. Die Entwicklung der jüngsten Gruppe asiatischer Aufsteiger-Nationen kontrastiert mit der ihrer Vorgänger wie Südkorea und Taiwan. Deren schnelle Industrialisierung in der Vergangenheit lief sozial ausgewogener ab.

Der in boomenden Wirtschaften generierte Wohlstand konzentriert sich in Ländern wie China und Indien auf Großstädte. Sie liegen meist an Küsten und koppeln sich rasch an die Weltwirtschaft an. Besser ausgebildete Städter profitieren daher überproportional von den Chancen der Globalisierung. Zuwanderer aus dem Hinterland hingegen finden auch in Wachstumspolen kaum Anschluss. Diese Entwicklung besorgt Politiker und Manager. „Asiens Metropolen drohen zum Nährboden für Gewalt, Extremismus und soziale Spannungen zu werden“, warnte Singapurs Außenminister Georg Yeo auf dem jüngsten Asiengipfel des World Economic Forum. Für Coca-Cola-Chef Neville Isdell müssen Firmen aus Eigennutz gegensteuern: „Wir dürfen nicht nur an Profite denken, sondern müssen uns sozial viel stärker engagieren.“ Sonst könnten Volkswirtschaften in Schieflage geraten.

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