Asien
China öffnet Tür zum Nachbarn Indien

Indien und China reichen sich 44 Jahre nach ihrem Grenzkrieg die Hand über den Himalaja: In 4 545 Metern Höhe soll heute der Nathu-La-Pass zwischen den Provinzen Tibet und Sikkim wieder eröffnet werden. Die alte Handelsroute war seit dem Grenzkrieg zwischen Indien und China im Jahr 1962 geschlossen.

DELHI/ PEKING. Der Grenzübergang in eisiger Höhe soll nicht nur zur wichtigen Landroute für den Handel zwischen den beiden schnell wachsenden asiatischen Riesen werden. Die Annäherung oberhalb der Schneegrenze gilt auch als Symbol für das Ende der politischen Eiszeit zwischen Indien und China.

Die Grenzöffnung sei nicht nur für die beiden Länder vorteilhaft, sondern werde auch Auswirkungen auf die ganze Region haben, prognostizieren Experten. Der Pass zwischen Indien und China könnte zur wichtigen Verbindung für ganz Ost- und Südasien werden, schreibt Pekings Staatszeitung „China Daily“.

Der Nathu-La-Pass, der 460 Kilometer von Lhasa und 550 Kilometer von der indischen Hafenstadt Kalkutta entfernt ist, war einst Teil der berühmten Seidenstraße. Optimisten hoffen nun, dass eine Reaktivierung jener legendären Handelsroute zumindest den armen, rückständigen Teilen beider Länder Wohlstand bringen wird: Chinas Westen und Indiens Nordosten.

Vor der Schließung des Passes liefen über die Route bereits 80 Prozent des Warenaustausches zwischen beiden Staaten. „Wenn nur zehn Prozent des Handels künftig über den Pass gehen, bedeutet das ein Geschäft von mehr als einer Mrd. Dollar im Jahr“, hofft Hao Peng, führender Politiker der Region Tibet. Eine Studie, die die Regierung der indischen Provinz Sikkim in Auftrag gegeben hat, beziffert das mögliche Handelsvolumen auf der Route sogar auf 2,8 Mrd. Dollar im Jahr.

Aber zunächst öffnet sich die Route nur für den kleinen Grenzverkehr. Der Handel ist auf Waren wie Mehl, Tee, Schafe, Yak- und Ziegenhäute beschränkt. Bei der neuen Seidenstraße gehe es aber um mehr als nur die Handelsbeziehungen, sagt Professor Liu Jiangyong von der Tsinghua Universität in Peking: „Die Öffnung des Nathu-La-Passes wird auch das beiderseitige politische Vertrauen verbessern.“ Doch dies ist ein langsamer Prozess. Misstrauen und Minderwertigkeitskomplexe verfolgen die Inder seit der Niederlage im Grenzkrieg mit China. „Auf indischer Seite ist die Skepsis gegenüber China nicht völlig gewichen“, sagt der Südasienexperte Klaus Voll: „Die Sorge, Peking könne sich jederzeit wieder feindselig verhalten, ist tief im Bewusstsein der politischen Klasse verankert.“

Indien will die Handelstür zum mächtigen Nachbarn deshalb nicht zu weit aufsperren – zumindest nicht, solange ein großer Teil der 3 500 Kilometer langen gemeinsamen Grenze umstritten bleibt. Auch Pekings Angebot eines Freihandelsabkommens lehnt die Regierung in Neu Delhi bislang ab. Protokollarisch spielt sie den heutigen Tag herunter: Kein wichtiger Politiker findet den Weg nach Nathu La. Auch der geplante Bau einer zweispurigen Straße auf den Pass wird auf indischer Seite verzögert. Diese könne frühestens 2010 fertig sein, heißt es.

Peking feiert die Grenzöffnung dagegen als politisch wichtigen Schritt. China versucht seit Jahren, seinen asiatischen Nachbarn die Angst vor der aufstrebenden Weltmacht zu nehmen, setzt vor allem gegenüber dem alten Rivalen Indien auf eine Charme-Offensive.

Zudem ergänzt die Passöffnung Chinas Tibet-Politik. Erst vor wenigen Tagen wurde die erste Eisenbahnverbindung auf das Dach der Welt eröffnet. Die umstrittene Zugverbindung soll wie die neue Seidenstraße einen florierenden Handel nach Tibet bringen. Kritiker fürchten jedoch, dass Tibet, das von China 1951 annektiert wurde, über diese Anbindungen seine Autonomie und Kultur verlieren wird.

Bei der Annäherung zwischen den asiatischen Riesen China und Indien ist die Wirtschaft der Politik längst voraus: Die Volksrepublik ist inzwischen Indiens wichtigster Handelspartner nach den USA. „2010 kann der Handel zwischen unseren beiden Staaten 50 Mrd. Dollar erreichen“, sagt Pekings Handelsminister Bo Xilai. Chinesische Firmen wie der Haushaltsgerätehersteller Haier und der Telekomausrüster Huawei erobern mit ihren Produkten das Nachbarland. Bei Computern ist Lenovo in Indien heute die Nummer zwei, Guangzhou Motors investiert kräftig in eine Motorradfabrik. Zugleich weicht die Angst indischer Unternehmer vor einer Überflutung mit billigen Produkten aus China. IT-Firmen wie Infosys, TCS und Wipro, Autozulieferer wie Bharat Forge und Maschinenbauer wie Larsen&Toubro bauen Büros und Fabriken in China.

„Noch sind längst nicht alle Probleme ausgeräumt“, sagt Swaran Singh, Professor an Delhis Nehru Universität und führender China-Experte. Aber gemeinsame Interessen und ökonomische Vernunft gewönnen die Oberhand. Und so malen Politiker beider Seiten bei regelmäßigen Spitzentreffen bereits die Zukunft vom „asiatischen Jahrhundert“. Doch vor allem in militärischen und energiepolitischen Fragen stoßen die Wirtschaftspartner schnell wieder an ihre Grenzen: So wurden erst vergangene Woche die jüngsten Grenzgespräche zwischen China und Indien erneut ergebnislos vertagt.

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