Athen will deutsche Milliarden: Muss Deutschland zahlen?

Athen will deutsche Milliarden
Muss Deutschland zahlen?

Die Griechen fordern Milliarden von Deutschland – außer der Rückzahlung eines Zwangskredits auch Reparationen. Doch was hat es damit auf sich? Von Athens Forderungen, geheimen Studien und Kohls Angst vor dem F-Wort.
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DüsseldorfEs nicht ja nicht so, als sei das alles eine neue Idee von Griechenlands Premier Alexis Tsipras. Der Streit zwischen Athen und Berlin um Reparationszahlungen für Gräueltaten, die die Nazis in Griechenland während des Zweiten Weltkriegs verübten, belastet die Beziehungen der beiden Staaten seit Jahrzehnten. Und sorgt in schöner Regelmäßigkeit alle paar Jahre für Verstimmungen zwischen Deutschland und Griechenland.

Doch gerade jetzt, in einer Zeit, in der ein deutscher Finanzminister vor dem „Graccident“ warnt, der Mittelfinger seines griechischem Amtskollegen Yanis Varoufakis für eine Lawine an Empörung sorgt und ein mögliches drittes Hilfspaket für Griechenland näherrückt, kocht das Thema wieder hoch. Doch was genau fordern die Griechen? Könnten sie recht bekommen? Was sehen internationale Dokumente vor? Antworten auf wichtige Fragen.

Was fordert die griechische Regierung?

1942 zwangen die Nazis die griechische Zentralbank, eine Zwangsanleihe in Höhe von 476 Millionen Reichsmark an das Dritte Reich auszugeben. Das Geld wurde nie zurückgezahlt. Darauf beziehen sich jetzt die Forderungen der Syriza-geführten Regierung in Athen. Der Historiker Hans Günter Hockerts, auch Mitglied der Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Reichsfinanzministeriums in der Zeit des Nationalsozialismus, taxiert die 476 Millionen Reichsmark des Zwangskredits auf den heutigen Wert von fünf Milliarden Euro. Andere Experten schätzen sieben bis elf Milliarden. Doch die Griechen fordern neben der Kreditbegleichung – was keine Reparationen, also Ausgleichszahlungen, sind – auch Reparationszahlungen.

Um welche Summen geht es bei den Reparationszahlungen?

Wie hoch Summe genau ist, ist umstritten, allerdings dürfte sie um ein Vielfaches höher liegen als der heutige Gegenwert des Zwangskredits. In einem Ende 2014 durchgesickerten, vertraulichen Bericht des griechischen Rechnungshofes wird die deutsche Kriegsschuld auf knapp 332 Milliarden Euro beziffert: 9,2 Milliarden aus dem Ersten Weltkrieg und 322 Milliarden für den Zweiten Weltkrieg (plus die zehn Milliarden für den Zwangskredit von 1942).

Die Athener Zeitung „To Vima“ veröffentlichte kürzlich eine als streng geheim eingestufte Studie vom März 2013, die diese Summen bestätigt: Sie taxiert die Gesamtansprüche auf 269 bis 332 Milliarden Euro. Die britische BBC kommt auf eine niedrigere Summe: Demnach könnte Griechenland insgesamt 162 Milliarden Euro zurückfordern, der Großteil davon für die zerstörte Infrastruktur. Zum Vergleich: Griechenland schuldet seinen Gläubigern in der Euro-Zone 323 Milliarden Euro.

Welche Ansprüche können Griechen individuell noch geltend machen?

Es gibt außerdem noch Entschädigungs-Forderungen individueller Opfer von Gräueltaten der Nazis während der Besatzungszeit von 1940 bis 1944. In dieser Zeit kamen 250.000 Menschen um, die meisten verhungerten. Bei Massakern wie denen von Kalavrytra und Distomo wurden zudem Hunderte griechische Zivilisten getötet.

Im Jahr 2000 hatte der höchste Griechische Gerichtshof (Areopag) geurteilt, Deutschland solle 28 Millionen Euro an die Distomo-Angehörigen zahlen. Dazu dürfe auch deutsches Eigentum gepfändet werden.

Das allerdings passierte nie. Die Distomo-Überlebenden zogen stellvertretend für viele Überlebende vor deutsche und internationale Gerichte – und scheiterten. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag (IGH) entschied im Januar 2012, das Prinzip der „Staatenimmunität“ schließe Klagen von Privatpersonen gegen die Bundesrepublik Deutschland grundsätzlich aus. Die letzte Hoffnung der Opfer ist eine Verständigung auf einer anderen Ebene – von Staat zu Staat.

Kommentare zu " Athen will deutsche Milliarden: Muss Deutschland zahlen?"

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  • [b[Griechen fordern Reparationszahlungen in Höhe von 332 Milliarden[/b]
    --------------
    Und zwar aus WW 1+2.
    Aber ansonsten geht es den Griechen noch gut?
    4+2 Abkommen, war da was?
    Zustimmung Griechenlands 1990 auf den Verzicht von Reparationen. Schon vergessen.

    Aber wir (die Griechen wollen und werden nicht zahlen!
    Das Geld, welches ihr uns "geliehen" habt, betrachten wir als "Geschenk"!

  • Kein Wunder, dass viele hierzulande für die dreisten Zeitgenossen aus Südost nichts, aber auch gar nichts mehr übrig haben. Vor erst wenigen Tagen forderten die Griechen einen "Marshallplan". Nun wollen sie auch noch Reparationszahlungen. Die damit verbundenen Unsummen DM und Euro haben sie via EU-Strukturfonds, Kohäsionsfonds, Hilfspakete und „Rettungspakte“ (ab 2010) seit Jahrzehnten erhalten – und weitgehend undiszipliniert verschleudert! Was sollen die vermutlich verjährten „Ansprüche auf Wiedergutmachung“? Verfall hin oder her: Gerade Deutschland als größter Nettozahler in die erwähnten Instrumente hat Griechenland seit mindestens 1994 weit mehr Milliarden zukommen lassen, als jedwede denkbare „Wiedergutmachung“ ausmachen könnte. Dabei sind die ohne Wenn und Aber bereits jetzt verlorenen Kredite an Griechenland und milliardenschwere Garantien für den EWS usw. nicht mitgerechnet. Wann endlich sagen unsere verantwortlichen Politiker das ihren nimmersatten griechischen Pendants, statt offenbar weitere Zahlungen in Erwägung zu ziehen?

  • Das große europäische Friedensprojekt "EURO" lol

    Kohl hat sich mal richtig schön von Mitterand und Consorten austricksen lassen. Der Euro war als nichts anderes als Versailles2 geplant und - Chapeau - es funktioniert blendend.
    Deutschland hat dem Süden 10 Jahre lang unter dem Euro blendende Refinanzierungskosten für die größte Schuldenmacherei seit dem 2. WK verschafft, den Konsum über unverzinsliche und laufzeitfreie Target2-Kredite angekurbelt und wird jetzt noch mal so richtig abgezogen, bevor der EURO dann in der Mottenkiste der Geschichte verschwindet.
    Mit einem vermögenslosen und altersarmen Deutschland ... man könnte die Geschichte sich nicht besser ausdenken als sie ist.

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