Atomabkommen
Massenproteste gegen Bush in Indien

Der Besuch von US-Präsident George W. Bush in Neu Delhi hat auf dem Subkontinent wilde Proteste ausgelöst. Hintergrund ist ein Atom-Abkommen, das Indien und die USA gemeinsam anstreben. Kritiker fürchten den Verlust der Eigentständigkeit Indiens.

HB NEU DELHI. Während Indiens Premierminister Manmohan Singh den US-Präsidenten am Flughafen in Neu Delhi empfängt, protestieren landesweit schon mehrere Zehntausend Menschen lautstark gegen den Besuch. In Delhi, Bangalore und Hyderabad ziehen Tausende Menschen mit Parolen wie „Bush ist ein Mörder“ oder „Geh nach Hause, Bush“ durch die Straßen. Die Demonstranten verbrennen amerikanische Flaggen, trampeln auf Fotos des US-Präsidenten herum oder schleifen Bush-Puppen wie Kriegstrophäen durch die sandigen Straßen. In Kalkutta legten mehr als 25.000 Menschen große Teile der Innenstadt lahm. Nach Behördenangaben seien indienweit sogar etwas mehr als 100.000 Menschen an den Protesten und Kundgebungen beteiligt.

Hintergrund des ersten Indien-Besuchs des US-Präsidenten ist ein Atom-Abkommen zwischen den USA und dem Subkontinent. Bush strebt mit der indischen Regierung einen Vertrag über die Zusammenarbeit bei ziviler Nukleartechnik an und will gleichzeitig verhindern, dass Indien diese für sein militärisches Atomprogramm nutzt. Für den Subkontinent hieße ein solcher Vertrag das Ende der internationalen Isolation in der Atompolitik. Seit 30 Jahren darf Indien keine Nukleartechnik aus dem Ausland erhalten.

Die USA fordern, Indien müsse im Gegenzug seine Atomreaktoren in zivile und militärisch genutzte Anlagen unterscheiden und die zivilen Meiler für internationale Inspektionen öffnen. Das kritisieren vor allem kommunistische Gruppen. Indien gebe durch eine solche Vereinbarung seine eigenständige Energiepolitik auf und werde abhängig von den USA, hieß es in den vergangenen Wochen immer wieder. Nach anfänglich vereinzelten nationalistischen Parolen organisierten Kommunisten, Vertreter armer Bauern und Moslems nun den landesweiten Protest.

Doch dass linke Gruppen in Indien nationalistische Töne anschlagen, ist laut dem Indien-Experten Dietmar Rothermund völlig normal. Vor allem jetzt. Denn in den nächsten Monaten werden in fünf indischen Bundesstaaten die Wähler an die Urnen gebeten. Auch in West-Bengalen, wo zum Beispiel Tausende Demonstranten die Innenstadt Kalkuttas lahm legten. Hier regiert die Kommunistische Partei Indiens seit fast 28 Jahren. „Das Ganze sollte man deswegen nicht zu ernst nehmen“, sagt Rothermund. „Hier versuchen einige Parteien Flagge zu zeigen, die demnächst eine Wahl zu gewinnen haben“. In diesem Zusammenhang seien auch die Proteste zu sehen. „So sieht Wahlkampf in Indien aus“.

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