Atomkraft in Osteuropa
Wie ein wildes Tier

Tschernobyl schreckt nicht mehr: Die baltischen Staaten und Polen setzen auf Atomkraft, um sich eine unabhängige Energieversorgung zu sichern. Die einstigen Ostblockstaaten fühlen sich abgekoppelt vom Rest der EU. Auf dem Energiegipfel im März könnte es zum Krach mit dem Westen kommen.

VILNIUS. Brigita Dauniene weiß, dass es sinnlos ist. Dass weit weg von ihrer Heimat Litauen die Politik längst über das Schicksal des kleinen Landes entschieden hat. Früher die Besatzer in Moskau, heute die Eurokraten in Brüssel. Trotzdem hofft sie noch immer, der Atomreaktor, auf dessen strahlensicherer Hülle sie in diesem Moment steht, könnte eines Tages wieder ans Netz gehen. „Er schläft ja nur“, sagt die Frau mit den kurzen blonden Haaren, und ihre Stimme klingt dabei fast zärtlich.

Es ist totenstill in der riesigen Reaktorhalle von Block eins des Atomkraftwerks Ignalina an Litauens Grenze zu Weißrussland. Zehn Meter unter dem Boden aus schweren Metallplatten ruht der Reaktorkern, noch immer bestückt mit mehr als tausend Brennstäben. Dass sie keinen Strom mehr produzieren, hat die EU durchgesetzt. Seit 14 Jahren arbeitet Dauniene im Kraftwerk, und sie versteht diese Entscheidung nicht. In drei bis vier Tagen könnte man den Reaktor wieder hochfahren, sagt sie trotzig. Man müsse nur wissen, wie. „Der Reaktor ist wie ein wildes Tier. Wenn man ihn unvorsichtig weckt, wird er gefährlich.“

So wie am 26. April 1986. Damals explodierte Reaktorblock vier des Kernkraftwerks Tschernobyl. Es war der gleiche Typ wie in Ignalina. Die größte zivile Nuklearkatastrophe der Welt kostete mindestens 4 000 Menschen das Leben, Zehntausende leiden noch heute unter den Folgen. Seit der Katastrophe kämpft Ignalina gegen die weltweit geforderte Schließung. Doch erst als Litauen 2004 der EU beitrat, gab die Regierung in Vilnius widerwillig nach: 2004 wurde Block eins heruntergefahren, Block zwei soll Ende 2009 folgen. Im Gegenzug hat Brüssel finanzielle Hilfe bei der Entsorgung des atomaren Mülls versprochen. In Litauen werden jedoch seither die Sorgen täglich größer. Ignalina ist die wichtigste eigene Energiequelle des Landes. Das Atomkraftwerk lieferte Litauen einst vier Fünftel seines Stroms, Estland und Lettland profitierten ebenfalls. Wenn Ende 2009 auch der zweite Reaktor abgeschaltet wird, dann ist Litauen beinahe vollständig von Gas und Öl aus Russland abhängig – und die Russen schätzt man hier ebenso wenig wie die Energiepolitik der EU.

Die Regierung in Vilnius traut den verhassten ehemaligen Besatzern nicht. Staatspräsident Valdas Adamkus fürchtet, Moskau könnte Litauens Energiebedarf politisch missbrauchen. An die Hilfe der EU in diesem Fall glaubt er auch nicht. Die Politik werde von den großen Mitgliedsländern bestimmt, die Sorgen der Kleinen kämen zuletzt, klagt Adamkus. Das habe ihn die verhaltene Kritik der EU an den jüngsten Blockaden der russischen Pipelines für Öl und Gas nach Osteuropa gelehrt.

„Wir müssen selbst von Energie unabhängig werden“, sagt Litauens Staatsoberhaupt und schaut zugleich ein wenig ratlos drein. Im Park seines Präsidentenpalasts im Herzen von Vilnius türmt sich der Schnee. Das Thermometer zeigt minus 17 Grad. Es ist nicht leicht, die Forderung nach der Abnabelung von Russland mit konkreten Vorschlägen zu untermauern. Litauen und die anderen östlichen EU-Mitglieder haben zwar ihre politische Unabhängigkeit erreicht, doch ihre Energiezufuhr ist bis heute eng an das Leitungsnetz des untergegangenen Sowjetreichs gebunden. Ein Erbe, an dem die Vision von einer gemeinsamen europäischen Energiepolitik zu zerbrechen droht.

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