Atomkraftwerke
Im Fokus von Terroristen

Die Brüsseler Terroristen haben Atomforscher ausspioniert, das belgische AKW Tihange musste evakuiert werden. Atomreaktoren gelten als mögliche Anschlagsziele. Gibt es Methoden, um die Meiler vor Angriffen zu schützen?

DüsseldorfDie Brüsseler Terrorzelle steckte offenbar hinter einem Spionageangriff gegen einen Atomforscher. Die beiden Selbstmordattentäter Ibrahim und Khalid El Bakraoui sollen eine heimlich vor dem Wohnhaus des Wissenschaftlers angebrachte Überwachungskamera abmontiert haben, berichtet die Tageszeitung „La Dernière Heure“. Was wollten die Terroristen? Eine Theorie lautet, dass von ihm radioaktives Material für eine sogenannte schmutzige Bombe erpresst werden sollte.

Die Angst vor Angriffen mit atomarem Material und auf atomare Ziele alarmiert die Ermittler. Auch am Tag der Anschläge in Brüssel meldeten Nachrichtenagenturen, dass das Atomkraftwerk in Tihange evakuiert werde. Schnell kam die Frage auf: Hatten die Terroristen das Atomkraftwerk im Visier? Droht jetzt der Super-Gau?

Kurze Zeit später bemühten sich die Betreiber um Beruhigung. Die Atomkraftwerke in Tihange und Doel seien nur teilgeräumt worden. Nur Mitarbeiter, die unbedingt notwendig seien, sollten auf dem Gelände bleiben. „Wir gehen kein Risiko ein“, kommentierte die belgische Atombehörde.

Unberechtigt waren die Sorgen nicht. Denn das ist nicht der einzige Vorfall, der den belgischen Ermittlern Kopfzerbrechen bereitet: 2012 schleuste sich ein Terrorist der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) über eine externe Dienstleistungsfirma in das AKW Doel in Belgien ein. Dort arbeitete er im Hochsicherheitsbereich, studierte jahrelang die Abläufe, konnte sich einen Überblick über den Aufbau und mögliche Sicherheitsmaßnahmen verschaffen. Dann reiste er nach Syrien, kämpfte für den IS und teilte dort sein Wissen.

Die Angst vor dem Anschlag auf die Meiler, sie ist da. Die belgische Zeitung „DH“ schrieb, die Bedrohung sei „so groß wie nie zuvor.“

Doch wie sieht es in Deutschland aus? Sind wir vor einem Anschlag auf ein Atomkraftwerk geschützt? Und wie wahrscheinlich ist so ein Angriff?

„Grundsätzlich gehören die deutschen Atomkraftwerke zu den sichersten der Welt“, sagt Terrorismusexperte Rolf Tophoven dem Handelsblatt. „Die deutschen Standards sind beispielsweise wesentlich höher als in Belgien.“ Eine akute Gefahr sieht er deshalb nicht.

Auch das Bundeskriminalamt (BKA), das mit dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) für die Sicherheit der Atomkraftwerke zuständig ist, stuft die Wahrscheinlichkeit terroristischer Anschläge auf kerntechnische Einrichtungen als „eher gering“ ein. Derlei Angriffe seine „aber grundsätzlich in Betracht“ zu ziehen.

Anders sieht das Heinz Smital. „Man muss davon ausgehen, dass terroristische Attentäter auf eine größere Organisation von vielfältigen Sachexpertisen zurückgreifen, die auch nukleare Sachkenntnisse einschließt“, sagt der Kernphysiker, der bei Greenpeace beschäftigt ist. Das heißt, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist, müsse man neue Maßnahmen ergreifen, um das zu verhindern. „Das Schadenspotenzial ist extrem hoch“, sagt Smital. Bis zu 100.000 Quadratkilometer wären von einer Kernschmelze betroffen – knapp ein Drittel Deutschlands.

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„Das Schutzkonzept ist gescheitert“

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