Atomstreit
Experten tappen im Fall Iran im Dunkeln

Während sich in Amerika und Europa die Gemüter über die geplante Raketenabwehr erregen, rätseln Experten über das tatsächliche Bedrohungspotenzial Irans. Eines steht allerdings fest: Iran will trotz angedrohter neuer Sanktionen nicht auf Nukleartechnologien verzichten.

BERLIN. Das sagte der iranische Außenminister Manuchehr Mottaki gestern noch einmal der Teheraner Nachrichtenagentur Irna: „Iran wird keinesfalls auf seine Rechte verzichten. Wir sind aber zu weiteren Verhandlungen bereit“, sagte Mottaki am Rande seiner Gespräche in Südafrika, das derzeit den Vorsitz im Uno-Sicherheitsrat hat. Der Weltsicherheitsrat beriet gestern in New York eine Verschärfung der Sanktionen gegen das Mullahregime, dem der Westen vorwirft, Atomraketen zu entwickeln.

Inwieweit Teheran inzwischen zum Abschuss von mit nuklearen Sprengköpfen versehenen Langstreckenraketen in der Lage ist, ist unklar. Unstrittig ist allerdings, dass Iran über Shahab-3-Mittelstreckenraketen mit einer Reichweite von 1 100 bis 1 300 Kilometern verfügt. Diese basieren auf nordkoreanischen No-Dong-Modellen, die Pjöngjang mit russischer Hilfe entwickelt hat. Russland und China liefern nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste auch weiterhin Raketentechnologien nach Iran. Versuche der Mullahs, einen neuen Raketentyp mit Reichweiten zwischen 3 000 und 4 000 Kilometern zu testen, waren im Februar höchst zwiespältig verlaufen: Die angeblich dem iranischen Weltraumprogramm dienenden Trägerraketen hatten nach Angaben des zuständigen Programmchefs Mohsen Barami nur eine Flughöhe von 150 Kilometern erreicht.

Der frühere Uno-Waffeninspektor im Irak und deutsche Raketenexperte Robert Schmucker sagte dem Handelsblatt hingegen: „Bis iranische Raketen amerikanischen Boden erreichen können, werden noch ein paar Jahre vergehen, aber Iran steigert ständig deutlich die Reichweiten seiner Raketen, und wir sehen, dass das Land seine Kapazitäten ausweitet.“ Schmucker weist wie internationale Fachleute zudem darauf hin, dass Iran „weiter Hilfe von Russland und China bekommt und wir wegschauen“. Deshalb seien die US-Pläne einer Raketenabwehr „vollkommen richtig: Sie zeigen Iran, dass wir Gegenmaßnahmen haben und sein Streben nur sinnlos und teuer ist.“

Auch Bernd Kubbig, Iran-Experte der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), sagte, es sei klar, dass Iran Raketen entwickle. „In den Sternen steht nur, welche Reichweiten sie wann erreichen. Zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls sind iranische Raketen noch keine Bedrohung für Europa und Amerika.“

Ob das von den USA geplante Raketenabwehrsystem dann aber iranische Langstreckenraketen tatsächlich abfangen und dessen Sprengköpfe vernichten kann, ist noch umstritten. Während Raketenexperte Schmucker sagt: „Es funktioniert, gar keine Frage“, äußern andere wie Sascha Lange von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) noch Zweifel: „Konkret hat es seine Einsatzfähigkeit noch nicht unter Beweis gestellt.“ Und HSFK-Experte Kubbig hält den US-Schutzschild zum jetzigen Zeitpunkt für „ein Auto mit zwei Rädern“. Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit hält den US-Schirm für einen „Traum von der Unverwundbarkeit Amerikas“.

Russland, das am schärfsten gegen die Pläne Washingtons opponiert, muss sich nach übereinstimmender Meinung von Rüstungsexperten keine Sorgen wegen des Schutzschilds machen: Dieser umfasse zehn Abwehrraketen, der Kreml verfüge über 5 682 nukleare Sprengköpfe, so das Stockholmer Sipri-Institut.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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