Atomwaffeneinsatz
Paris rudert zurück

Von „idiotisch“ über „unverantwortlich“ bis „gefährlich“: Die Androhung des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac eines Atombombeneinsatzes gegen so genannte Terrorstaaten hat in Europa scharfe Kritik ausgelöst. Nun bemüht sich die Regierung, die Äußerungen abzuschwächen.

HB PARIS. Mit seiner Aufsehen erregenden Äußerung sandte Chirac eine Warnung an Staaten wie Iran, dessen Atomprogramm international am Pranger steht. Und darüber hinaus wollte er sich in die aufkeimende innenpolitische Debatte über die Frage einmischen, ob das hoch verschuldete Frankreich sein teures nukleares Abschreckungspotenzial nach der Ära des Kalten Krieges noch benötigt.

Chirac, dessen zweite und vermutlich letzte Amtszeit sich ihrem Ende nähert, legte in seiner Rede eine neue Doktrin für die französische Militärmacht im 21. Jahrhundert vor, die die Bedrohung durch den Terrorismus berücksichtigt. Darin drohte der Präsident nicht näher genannten „Führern von Staaten, die terroristische Mittel gegen uns einsetzen würden“ eine „entschlossene und angepasste Antwort“ an. Beobachter und Präsidentenberater erklärten, dabei habe er kein bestimmtes Land im Sinn gehabt. In Zeitungskommentaren wurden seine Äußerungen aber als gegen den Iran und möglicherweise Nordkorea gerichtet ausgelegt.

Chiracs Forderung, die EU müsse ihre Abschreckungswaffen mit der Perspektive auf ein starkes Europa zusammenlegen, schien im Ausland zunächst auf geringe Unterstützung zu stoßen. Und das Ausmaß der Kritik legt nahe, dass dafür wenig Aussicht besteht. „Jacques Chirac ist ein Idiot“, schrieb die belgische Tageszeitung „De Morgen“ in einem Leitartikel. „Er lebt in einer Zeit, in der Frankreich nicht länger Weltmacht ist, aber er tut noch immer so, als verlängere er eine napoleonische Dynastie.“ Die spanische Zeitung „El País“ nannte die Rede „radikal und gefährlich“.

Vielen missfiel die Wahl des Zeitpunkts. Frankreich, Deutschland und Großbritannien bemühen sich seit Monaten, den Irak in Verhandlungen zu Garantien zu bewegen, dass er keine Atomwaffen entwickeln werde. Auch die Einschaltung des UN-Sicherheitsrats wird inzwischen erwogen. Derartiges Säbelrasseln angesichts der gegenwärtigen Krise über das iranische Atomprogramm sei im Grunde das falsche Signal, sagte Xanthe Hall von den Internationalen Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) in Berlin.

Seite 1:

Paris rudert zurück

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%