Auf der Suche nach Führung
Labours Götterdämmerung

Mit einem sensationellen Wahlsieg hat der Konservative Boris Johnson London erobert. Zum erstenmal seit Menschengedenken regiert in der ethnisch vielfältigen Weltstadt die Rechte.

Sogar seinen Freunden ist seine eigenwillige Art nicht geheuer. Von seinen Gegnern wurde er als inkompetenter Spaßmacher ohne Erfahrung abgetan. Aber als Boris Johnson nach Mitternacht am Sitz der Londoner Stadtverwaltung zum neuen Bürgermeister ernannt wurde, gab er sich demütig und staatsmännisch.

„Sie waren ein ausgezeichneter Führer dieser Stadt“, lobte er den Wahlverlierer Ken Livingstone. „Sie haben dieses Amt geprägt, sie haben ihm zu nationaler Prominenz verholfen und als London am 7. Juli 2005 attackiert wurde, sprachen sie für London“.

Nach Labours schlimmstem Wahlmassaker seit 40 Jahren war dieser Wahlsieg, als würde der Labourparty der Dolch ins Herz gestoßen. Mit 53 Prozent gegen 47 Prozent fiel Johnsons Triumph klarer aus als irgend jemand erwarten konnte.

Die Wahl signalisierte den Wunsch der Briten nach dem Wechsel. Bei den Gemeindewahlen in England und Wales trat Labour mit denkbar schlechter Ausgangslage an. 2004, als die Wut auf Tony Blair und den Irakkrieg am größten war, erteilten die Briten Labour einen Denkzettel. Niemand dachte ernstlich, die Regierungspartei könne nun noch viel tiefer sinken.

Nun regiert Labour in keinem Rathaus des englischen Südwesten mehr. Die Konservativen haben in Wales und Nordengland Rathäuser erobert, die ihnen bisher verschlossen waren.

Nach Wählerstimmen und Mandaten schnitt die Regierungspartei landesweit nur mit einem dritten Platz ab. Im Süden und in London verlor Labour die Wähler der Vorstädte und der Mittelschichten, die Tony Blair aus dem Lager der Konservativen herüberlockte. Im Norden und in Wales laufen Labour die Kernwähler davon: Niedrige Einkommensschichten, die mit den Steuerreformen unzufrieden sind, die auf Gordon Browns persönliches Konto gehen. Hochgerechnet auf eine Unterhauswahl hätten die Konservativen nun eine klare Regierungsmehrheit.

Labourchef und Premier Gordon Brown tut jetzt so, als sei all dies ein Protest gegen die Wirtschaftskrise, höhere Benzinpreise und teuere Lebensmittel. Die Tories sehen das Wahlergebnis dagegen als eine glänzende Bestätigung dafür, dass sie wieder für wahlfähig gelten und die Grundlage für die Rückkehr in die Downing Street gelegt ist. „Dies war nicht nur ein Votum gegen Gordon Brown und seine Regierung. Dies ist ein Votum des Vertrauens in die Konservative Partei“, sagte Parteichef David Cameron.

Brown will nun "zuhören und führen". Aber dies versucht er nun schon seit 10 Monaten und doch ist er auf dem besten Wege, ein Premier zu werden, der nie eine Wahl gewann. Bis 2010 kann er mit einer Unterhauswahl noch warten. Ob ihm seine Partei noch diese Zeit einräumt, ist ungewiss. Die Wahl war nicht nur ein nationales Misstrauensvotum gegen Labour, sondern auch gegen die Führungsqualitäten von Gordon Brown.

"Wir haben 6 Monate um die Initiative zurückzugewinnen", glaubt Ex-Minister Charles Clarke, ein Mann des rechten Blair Flügels. "Die Situation ist nicht mehr zu retten. Die Menschen wollen eine neue Politik, sofort“, glaubt der Labourlinke John McDonnell, Herausforderer Browns bei der Führungswahl im letzten Jahr.

Es wird nun aber nicht nur um Browns Person gegen. In der Labourpartei wird der Streit zwischen denen beginnen, die wie McDonnell eine Rückkehr zu einer „sozialistischen“ Politik und ein Ende von Labours Flirt mit marktgerechten Lösungen wollen. Die anderen, wie Charles Clarke und die Riege der Ex-Blairites, fordern statt Browns unentschiedenem Schlitterkurs eine klare Rückkehr zur Reformpolitik Blairs. Aber wo wäre die Führungsfigur, die beide Seiten zusammenhalten könnte?

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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