Auf „Ground Zero“ entscheidet die Stadt über ihr künftiges Gesicht
New York zweifelt an seiner eigenen Courage

Hat New York seine Chuzpe verloren? Die „New York Times“ fragte die Elite der Stadt bereits, ob der „Big Apple“ zum faulen Apfel geworden ist. Anlass für diese ungewöhnlichen Selbstzweifel in einer Metropole, die sonst von Selbstbewusstsein nur so strotzt, sind die Schwierigkeiten, große städtebauliche Projekte voranzubringen.

NEW YORK. Die Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 sind immer noch zu spüren. Nicht nur die Wirtschaft des Finanzzentrums tut sich schwer, unter einer Oberfläche der Normalität ist die Psyche der New Yorker nach wie vor beeinträchtigt. Seien es die gescheiterten Pläne für eine Olympia-Arena an der Westseite von Manhattan oder der Stillstand auf „Ground Zero“, der Großbaustelle an der Südspitze der Insel – New York tut sich schwer, in wagemutigen Dimension zu denken.

„Wir haben seit Jahrzehnten kein großes öffentliches Projekt mehr zustande gebracht“, gesteht Senator Charles Schumer ein. „Große Städte“, sagt Glenn D. Lowry, Direktor des Museum of Modern Art, „definieren sich dadurch, dass sie gegen alle politischen und lokalen Widerstände etwas Unerwartetes errichten.“ Dabei haben jedoch Städte wie Chicago und Los Angeles mehr Mut gezeigt als die Metropole am Hudson River.

An Ideen mangelt es nicht. Von Sportarenen über einen neuen Großbahnhof bis hin zu Verkehrsadern – die Schubladen der Stadtväter sind voll von Plänen. Der Architekt Peter Eisenman fordert, New York solle sich an Paris und Berlin ein Beispiel nehmen und mehr internationale Architekturwettbewerbe ausschreiben. Dick Parsons, Chef des Medienkonzerns Time Warner, hält dagegen wenig von Großprojekten und plädiert stattdessen für „small is beautiful“. Als gelungenes Beispiel nennt er die Renovierung des Victoria Theaters in Harlem.

„Die größte Herausforderung für die Stadt ist jedoch die Neugestaltung des World Trade Centers“, sagt Museumsdirektor Lowry. Dort, wo bis zu den Anschlägen die beiden Zwillingstürme standen und heute immer noch ein tiefes Loch klafft, entscheidet sich nach Meinung vieler, wie ambitioniert und radikal New York seine Zukunft gestaltet. Doch gerade bei diesem Jahrhundertprojekt offenbart sich auch die größte Schwäche: das undurchdringliche Geflecht lokaler und regionaler politischer Interessen, das jeden Fortschritt zu einer Schnecke macht. Hinzu kommt – als Reaktion darauf – ein gestörtes Verhältnis der New Yorker zur Rolle der öffentlichen Hand bei Großprojekten. Man traut hier einem privaten Bauunternehmer wie Donald Trump mehr zu als dem Bürgermeister.

Gerade haben Gouverneur George Pataki und Bürgermeister Michael Bloomberg den dritten Entwurf für den so genannten „Freedom Tower“ vorgestellt, der die tiefe Wunde im Herzen von Downtown schließen soll. Der erste Entwurf des Berliner Architekten Daniel Libeskind gefiel dem Bauherren Larry Silverstein nicht. Der zweite Entwurf war der Polizei nicht „bombensicher“ genug.

Übrig geblieben ist jetzt ein Design des Architekten David Child, das mehr an die eingestürzten Zwillingstürme erinnert als ein mutiges Statement der Freiheit darzustellen: Auf einem 61 Meter hohen Betonfundament erstreckt sich ein 541 Meter hoher Turm aus Glas und Stahl mit einer langen Antenne. Kaum noch etwas erinnert an die ungewöhnliche Idee Libeskinds, die geschwungene Form der Freiheitsstatue durch den „Freedom Tower“ wieder aufzunehmen. Pataki, Bloomberg und Silverstein werden sich viel einfallen lassen müssen, um dem Obelisken ein menschliches Gesicht zu geben.

Die geplante Gedenkstätte für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September kann dazu einiges beitragen. Die Stadt schätzt, dass pro Jahr fünf Millionen Menschen den Ort besuchen. Daneben sprechen die Planer jedoch ganz offen davon, „Ground Zero“ in eine riesige Shopping Mall zu verwandeln: „Wir betrachten Einkaufsmöglichkeiten als absolut kritische Komponente bei der Neugestaltung“, sagte John Cahill, rechte Hand von Gouverneur Pataki.

Auch damit knüpfen die Planer an die gefallenen Zwillingstürme an. Die 75 Läden unterhalb des ehemaligen World Trade Centers brachten es auf stolze 9 688 Dollar Umsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche. Mehr als 300 000 Angestellte mit hohem Einkommen arbeiten in unmittelbarer Nähe und machen das Gebiet zu einem Paradies für Einzelhändler. Und dabei sind die künftigen Mieter im „Freedom Tower“ noch gar nicht mitgezählt. Vielleicht aus gutem Grund: Bislang gibt es keine namhaften Interessenten für den neuen Wolkenkratzer. Nach einer Umfrage der „Times“ lehnen es 52 Prozent der New Yorker ab, in den oberen Stockwerken des „Freedom Tower“ zu arbeiten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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