
DÜSSELDORF. Markelow hatte vor einer Woche gegen die Begnadigung des Offiziers Jurij Budanow protestiert, der nach der Tötung eines tschetschenischen Mädchens zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden war. Allerdings blieb Markelows Intervention ohne Erfolg. Budanow war vergangenen Donnerstag auf freien Fuß gesetzt worden. Der 34-jährige Markelow hatte die Familie des Mädchens, aber auch die Kreml-kritische Reporterin Anna Politkowskaja vertreten – deren Ermordung auffällige Parallelen zur Hinrichtung des mutigen Juristen aufweist.
Der Fall von Elsa Kungajewa hatte zu Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges in Russland und später auch in Europa für Aufsehen gesorgt. Die 18-Jährige war von betrunkenen russischen Soldaten vergewaltigt und getötet worden. Ähnliche Verbrechen waren während des Tschetschenien-Krieges an der Tagesordnung - doch nur im Fall von Oberst Jurij Budanow kam es zu einer Anklage gegen einen hohen Offizier. Budanow hatte die junge Frau verdächtigt, eine Scharfschützin der tschetschenischen Rebellen zu sein, hatte sie brutal misshandelt und getötet. Wegen Mordes wurde er nach einem langen Gerichtsverfahren zu zehn Jahren Haft verurteilt. Markelow hatte die Familie Kungajewas vertreten, wie viele andere Opfer des Tschetschenien-Krieges auch. Wegen dieses Einsatzes auch vor dem vor dem Europäischen Menschengerichtshof in Straßburg war er mehrfach bedroht worden. Amnesty International machte schon 2004 auf seine prekäre Lage aufmerksam, nachdem er in der Moskau Metro überfallen worden war. Dennoch kritisierte Markelow immer wieder öffentlich die „Degradierung des Rechtssystems“ Russlands unter der Herrschaft von Wladimir Putin. Eine von ihm gegründete Nichtregierungsorganisation nannte er „Institut für die Vorherrschaft des Rechts“.
Markelow hatte vergeblich versucht, die Behörden davon zu überzeugen, dass die Reporterin Politkowskaja von einem Polizisten bedroht wurde, der wegen Verbrechen in Tschetschenien verurteilt worden war. Die Umstände seiner Ermordung erinnern stark an das Attentat auf Politkowskaja, die trotz vielfältiger Drohungen immer wieder aus Tschetschenien und über die Verbrechen der moskautreuen Regierung in Grosny berichtet hatte. Die Reporterin war im Oktober 2006 mit vier Schüssen in Brust und Kopf im Flur ihres Wohnhauses hingerichtet worden. Obwohl eine Überwachungskamera Fotos des Mörders aufgezeichnet und der damalige Präsident Putin die Aufklärung des Falles versprochen hatte blieben die Hintergründe im Dunkeln. Die Behörden nannte im Laufe der Zeit Dutzende von Verdächtigen, darunter neben tschetschenischen Kriminellen, Angehörige der Polizei und des Inlandsgeheimdienstes FSB auch den Exil-Oligarchen Boris Beresowskij.
Der Anwalt Markelow hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Montag in der Moskauer Innenstadt eine Pressekonferenz gegeben, rund einen Kilometer vom Kreml entfernt. Dort habe er angekündigt, gegen die Freilassung von Oberst Budanow bei einem internationalen Gericht Rechtsmittel einzulegen. In einem BBC-Interview hatte er den Zustand des russischen Rechtsstaates kritisiert: „Ich verstehe jetzt, dass es hier keine Vorherrschaft des Rechtes gibt. Meine Aufgabe ist es herauszufinden, wer den Befehl zu Budanows Entlassung gegeben hatte.“
Unmittelbar nach der Pressekonferenz schoss ein Unbekannter Markelow aus nächster Nähe nieder. Eine Mitarbeiterin der Zeitung Nowaja Gasjeta, für die auch Politkowskaja gearbeitet hatte, wurde nach Angaben des Blattes angeschossen und schwer verletzt. Sie hatte versucht einzuschreiten, nachdem der Anwalt getroffen worden war. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nannte den Mordanschlag auf Markelow ein schreckliches Verbrechen. Für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien sei der Anwalt „ein Held" gewesen, sagte Sprecherin Tatjana Lokschina. Der Kreml-Kritiker Lew Ponomarjow sage: „Wenn jemand einen mutigen Journalisten gebraucht hat, dann hat er Politkowskaja angerufen, und wenn jemand einen mutigen Anwalt gebraucht hat, dann hat er Markelow angerufen.“